|

"Aus der Patenschaft ist eine Partnerschaft geworden"

Das Bischöfliche Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hat seine Jahresaktion zum 50-jährigen Jubiläum am Sonntag in einem Armenviertel von Sao Paulo eröffnet. Ein Zelebrant des Gottesdienstes war der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch. Im Interview mit Alexander Brüggemann von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) würdigt er die Arbeit von Adveniat und erläutert, dass auch die Katholiken in Deutschland viel von Lateinamerika lernen können.

KNA: Herr Erzbischof, zunächst ein Glückwunsch zum 50. Geburtstag von Adveniat.

Zollitsch: Es ist großartig, dass wir nun schon auf 50 erfolgreiche Jahre zurückschauen können. Aus der anfänglichen Patenschaft ist mehr geworden: eine echte Partnerschaft mit den Katholiken in Lateinamerika. In dieser Zeit sind mehr als 200.000 Projekte gefördert worden. Das ist etwas, das sich zeigen lässt. Es ist uns in dieser Zeit wirklich gelungen, uns untereinander über unser Leben und unseren Glauben auszutauschen und uns damit auch gegenseitig zu beschenken.

KNA: Adveniat wollte seine Jubiläumsaktion bewusst bei den Armen beginnen und feiern, ohne großen Kirchenbau und Weihrauch. Glauben Sie, die Botschaft ist bei den Menschen in der Favela angekommen?

Zollitsch: Wir wollten den Menschen in Deutschland zeigen, wie groß die Not hier wirklich ist und wo Adveniat ganz konkret in schwierigen Lebenssituationen hilft. In den bisherigen 50 Jahren haben wir zur Eröffnung immer Gäste aus Lateinamerika eingeladen. Diesmal sind wir selbst hier in die Favela nach Sao Paulo zu den Ärmsten der Armen gegangen, um Ihnen zu zeigen: Wir sind für euch da. Und auch für uns Deutsche ist es gut, wenn man die Not einmal sieht und nicht nur von ferne geschildert bekommt.

KNA: Nur ein paar Steinwürfe von der Favela entfernt wird der "Große Preis von Brasilien" ausgetragen ...

Zollitsch: Wenn man sieht, wie viel ein Land wie Brasilien für ein Formel-1-Rennen investiert, und man sieht daneben die Not dieser Menschen, die viel zu wenige Menschen wahrnehmen... Ich freue mich, dass Brasilien so etwas veranstalten kann - aber noch mehr würde ich mich freuen, wenn in dieser aufstrebenden Wirtschaftsmacht Brasilien stärker bewusst würde, dass man den großen Teil der Menschen nicht vergessen darf. Diese Botschaft wollten wir auch hierher tragen: Das Christentum ist für den Menschen da. Christus hat sich der Armen und der Kranken angenommen.

KNA: Sie haben im Vorfeld der Reise von "weltkirchlichem Lernen" gesprochen. Was können wir als Katholiken in Deutschen von Lateinamerika lernen - etwa auch mit Blick auf das, was der Papst in Freiburg über die strukturierte Kirche gesagt hat?

Zollitsch: In Lateinamerika erfahre ich immer wieder, dass die Freude im Glauben ansteckend ist. Dass hier Menschen mit einer großen Selbstverständlichkeit über ihren Glauben sprechen können, was Gott ihnen in ihrem Leben gibt. Es ist doch imponierend, wie intensiv in einem Land mit wenigen Strukturen der Glauben gelebt wird. Das könnten wir auch in Deutschland lernen: uns untereinander mehr mitzuteilen und uns in unserem Glauben gegenseitig zu stärken. Und das hat auch der Papst gesagt: Wir sollten erst den Glauben leben und das Evangelium verkünden und erst dann nach geeigneten Strukturen suchen.

KNA: Aber die Strukturen existieren ja in Deutschland bereits.

Zollitsch: Sicher ist es eine Gefahr von uns Deutschen, zuerst in Strukturen zu denken - und dann vielleicht viel zu lange darin zu bleiben und zu wenig zu fragen, wem die Strukturen denn eigentlich dienen sollen. Wenn allerdings auf Dauer und nachhaltig geholfen werden soll, dann braucht es auch geeignete Strukturen dafür.

KNA: Die "kontinentale Mission", wie Sie die lateinamerikanische Kirche 2007 in Aparecida angestoßen hat, hängt auch stark von Personen ab. Offenbar gibt es in einigen Ländern des Kontinents starke Bedrückungen, was jüngste Bischofsernennungen angeht. Es scheint, dass einige neu eingesetzte Bischöfe den Prozess eher stoppen oder liegenlassen, als ihn anzustoßen.

Zollitsch: Jeder Erneuerungsprozess wird von Personen getragen - aber auch vom Heiligen Geist. Wo Menschen einen Schritt nach vorn machen müssen, habe ich immer wieder überraschende Erfahrungen gemacht. Ich vertraue da auf den Heiligen Geist - er wird dafür sorgen, dass wir nicht stehen bleiben.