Uruguay |

Augenzwinkernde Rebellion gegen Marktdiktat und Konsumgesellschaft

Uruguay wird weiterhin von der Linken regiert. Bei der Stichwahl am Sonntag siegte der Kandidat des Mitte-Links-Bündnisses Frente Amplio, José Mujica, nach Wahlbefragungen zufolge mit knapp 51 Prozent vor dem liberalen Luis Alberto Lacalle, der auf rund 45 Prozent kam. Unsere Korrespondentin Sandra Weiss porträtiert den ungewöhnlichen Sieger, der die nächsten vier Jahre die „Schweiz Südamerikas“ regieren wird.

Montevideo. Wenn sich Jose Mujica, in Uruguay einfach “Pepe” genannt, über jemand ärgert, nennt er ihn schon einmal „Rettich“ oder „Kopfsalat“. Denn die große Leidenschaft des 74jährigen nach der Politik ist die Landwirtschaft. Auf seiner „chacra“, seinem 35 Hektar großen Bauernhof vor den Toren von Montevideo pflanzt er Gemüse und Blumen an. Deswegen ist er auch öfter in Jeans und verblichenen Hemden anzutreffen als in Anzug und Krawatte. Beides zog er nur widerwillig an, nachdem er 2005 nach dem ersten Sieg der Linken in Uruguay Landwirtschaftsminister geworden war. In dem Moment entschloss er sich zudem, trotz seines fortgeschrittenen Alters noch vor den Altar zu treten und seine langjährige Lebensgefährtin und politische Kampfgenossin, die Senatorin Lucia Topolansky, zu heiraten. Standesamtlich. „Wir sind Atheisten“, erklärte er der Presse augenzwinkernd.

Seine flapsige Art behielt er auch mit Anzug und Ehering bei – zur Empörung der bürgerlichen Presse. „Gerade diese rebellische und sehr authentische Art ist es, die Mujica auch bei den Jugendlichen beliebt macht“, sagt der Journalist Kintto Lucas. Bei jedem Wahlkampfauftritt ist Mujica, der in einem sehr bescheidenen Häuschen wohnt, einen alten Käfer fährt und keinen Wert auf Statussymbole legt, der Star – und nicht etwa Danilo Astori, sein jüngerer Vizepräsident und Wirtschaftsminister, der die urbane, moderne Garde des Regierungsbündnisses Frente Amplio verkörpert.

Astori war eigentlich der Favorit von Präsident Tabare Vazquez für seine Nachfolge. Doch die Basis wollte Mujica. Denn der kleine, schnauzbärtige Mann mit dem üppigen grauen Haarschopf verkörpert nicht nur das Aufbegehren gegen bürgerliche Konventionen, sondern auch die uruguayische Geschichte. In den 70er Jahren schloss sich Mujica der Tupamaru-Guerilla an, die gegen die Militärdiktatur kämpfte. Er wurde viermal verhaftet, sechsmal angeschossen, entkam zweimal aus dem Gefängnis und wurde schliesslich 15 Jahre lang eingekerkert – zwei davon in Isolationshaft, lebendig begraben in einem Erdloch. „Sieben Jahre lang durfte ich nichts lesen“, erinnert er sich. „Doch der Mensch hält viel aus.“

Als die Militärs 1985 das Heft an eine zivile Regierung abgaben, kam Mujica frei und gründete die Bewegung zur Beteiligung des Volkes (MPP), die größte Fraktion innerhalb des Linksbündnisses „Breite Front“. Die MPP vertritt innerhalb des Bündnisses einen klaren Linkskurs. 1994 wurde er zum Abgeordneten gewählt, fünf Jahre später zum Senator. Seine Gegner bezeichnen ihn als “gefährlichen Kommunisten und Umstürzler“, und raufen sich die Haare bei der Vorstellung, welches Bild der flapsige Mujica im Ausland von Uruguay hinterlässt.

Das ficht „Pepe“ wenig an, der sich öffentlich zur Fortsetzung der gemäßigten, marktfreundlichen Politik von Vazquez bekennt und den Vorwurf seiner Gegner, er sei ein Maoist, mit den Worten „die haben keine Ahnung, ich bin ein Freigeist“, entkräftete. Mehr Sorge als die Ideologie bereitet ihm der Klimawandel. „Wegen der Trockenheit dieses Jahr habe ich den Mangold verloren“, sagt er und rauf sich die Haare. Deshalb hat er einen eigenen Regenwassertank gebaut und sieht eine neue Energiepolitik als eine seiner Prioritäten.

Autorin: Sandra Weiss