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Auferstanden aus Ruinen

Am Morgen des 7. Februar ging im Hafenviertel von Rio de Janeiro die Welt unter. Ein Großbrand legte die Karnevalsvorbereitungen dreier Sambaschulen in Schutt und Asche. Doch echte Karnevalsverrückte lassen sich davon nicht unterkriegen. Ein Bericht von Thomas Milz.

Die Welt ging am 7. Februar 2011 unter. Gegen 7.00 Uhr brach an jenem Montagmorgen in der "Cidade do Samba", im Hafenviertel von Rio de Janeiro, ein Brand aus, der große Teile der Karnevalsvorbereitungen der Sambaschulen "Grande Rio", "Portela" und "Uniao da Ilha" in Schutt und Asche legte. Vor einigen Jahren hatte die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro den Sambaschulen der 1. Liga die "Sambastadt" zur Verfügung gestellt - eine gigantische moderne Trutzburg, in der jede Schule ihre eigenen Werkshallen hat. Dort schuftet man monatelang, um Kostüme und Prunkwagen für den Auftritt im Sambodromo, dem gigantischen Laufsteg im Herzen der Stadt, fertig zu stellen.

„Als hätte ich einen Sohn verloren“

"Wir hatten praktisch alles fertig" so Helinho de Oliveira, Präsident der "Grande Rio", im Angesicht der halb eingestürzten Werkhalle seiner Sambaschule. "Jetzt ist alles aus, aus, aus…" Die Schule "Grande Rio" war von dem Feuer am härtesten getroffen worden. Sämtliche Kostüme und Prunkwagen waren verbrannt, einen Monat vor dem Karneval musste man wieder von Null anfangen. Die Schulen "Uniao da Ilha" und "Portela" konnten immerhin die meisten Wagen retten, die im Erdgeschoss der Werkshallen geparkt waren. Dafür waren die im Obergeschoss aufbewahrten Kostüme in Rauch aufgegangen. "Wie man sich vorstellen kann, hat uns das alle sehr getroffen. Und mich ganz besonders," so "Portela"-Präsident Nilo Mendes Figueiredo. "Ich fühle mich als ob ich einen Sohn verloren hätte. Wir hatten so viel Arbeit hineingesteckt…."

Nach der Katastrophe muss improvisiert werden

Nach dem ersten Schock erwachte jedoch der Kampfgeist der Karnevalsjecken wieder zu neuem Leben. Die Sambaschulen "Grande Rio" und "Uniao da Ilha" richteten sich in leer stehenden Hallen der "Sambastadt" neu ein und legten mit doppelter Energie wieder los. Anders die Schule "Portela". "Wir mussten das gesamte Projekt auf den Prüfstand stellen, so dass es viel schneller ausgeführt werden konnte – und zwar in einem Monat" erklärt Roberto Szaniecki, dem Mastermind hinter dem diesjährigen Auftritt der Sambaschule „Portela“. „Dazu kam, dass wir noch ein zusätzliches Problem hatten: Wir waren die einzige Schule, die praktisch auf dem Innenhof der "Cidade do Samba" unterkommen musste, ohne Ersatzhalle. Elf Tage standen wir regelrecht auf der Straße, das hat uns unglaublich geschadet."

Teilnahme außer Konkurrenz

Doch auch die "Portela" hat es geschafft und ist förmlich wie der Phönix aus der Asche wieder auferstanden. "Wir haben schon wieder aufgeholt und sind bereit", so Raimundo Maciel, der bei der "Portela" die Prunkwagen mit Graffitis verschönert. "Eigentlich könnten wir ganz normal am Wettkampf der Sambaschulen teilnehmen." Aber daraus wird nichts. Die Organisatoren des Karnevalsspektakels haben die drei betroffenen Schulen aus dem Wettbewerb genommen. So laufen die drei am Sonntag und Montag außer Konkurrenz mit. Gewinnen können sie dieses Jahr also nicht, aber auch nicht in die 2. Karnevalsliga absteigen. Durch eine Regeländerung gibt es dieses Jahr keinen Absteiger, dafür aber nächstes Jahr zwei statt bloß einem.

Noch keine finanzielle Unterstützung eingetroffen

Bleibt nur noch zu klären, wer die finanziellen Schäden des Brandes übernehmen wird. Die Stadtverwaltung hat den drei betroffenen Schulen zwar umgerechnet etwa 1,3 Mio. Euro Soforthilfe versprochen, davon 650.000 Euro für die Sambaschule "Grande Rio" und jeweils 325.000 Euro für die Schulen "Portela" und "Uniao da Ilha". Doch am Vorabend des Karnevals ist von diesem Geld noch kein Cent oder besser: kein Centavo, eingetroffen. Die Versicherung der "Cidade do Samba" trägt lediglich die Verluste an der Ausstattung der Werkshallen, nicht jedoch die vernichteten Kostüme und Wagen. "Die Stimmung ist trotzdem gut. Wir von der "Portela" sind zupackend, entschlossen, lieben unsere Schule und werden deshalb einen Auftritt hinlegen, der der Tradition der "Portela" gerecht wird", zeigt sich Präsident Figueiredo voller Kampfesmut. Von Schicksalsschlägen dieser Art lassen sich wirkliche Karnevalsverrückte nicht aus der Bahn werfen.

Autor: Thomas Milz, Sao Paulo