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Auf der Suche nach Heilung

Der Performer mit dem durchsichtigen Plastikumhang und der Atemmaske sorgt für Irritation. Er streift vor Beginn der Vorstellung durchs Theaterfoyer und stößt kurze Laute aus. Sucht er Aufmerksamkeit? Signalisiert er Schmerz und Leid? Oder klagt er jemanden an?

Auf der Bühne neun Tänzerinnen und Tänzer, einige von ihnen mit deutlichen körperlichen Behinderungen: Eine Frau mit geringem Körperwuchs, zwei Männer in Rollstühlen, eine blinde Frau. Sie alle gehen, schreiten, rollen auf festen Bahnen nebeneinander her, zeigen an, dass sie allein unterwegs sind. Erst nach und nach brechen sie aus, stellen sich und ihre Situation vor. Zuerst einzeln, dann paarweise, schließlich in immer wechselnden Konstellationen. Sie tun dies mittels Bewegungen, die zunächst ihrer jeweiligen körperlichen Konstitution entsprechen. Bald aber gehen die Performer an die Grenzen ihrer körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Die Kategorie „Behinderung“ verschwindet und das Thema des Theaterabends tritt in den Vordergrund.

Von Natal nach Berlin

Gira Dança ist der Name einer 2005 in Natal im Nordosten Brasiliens gegründeten Tanzcompagnie, die sich aus Performern mit und ohne Behinderungen zusammensetzt. Mit der im Kollektiv erstellten Choreografie „A Cura – Die Heilung“ trat die Truppe, deren künstlerische Arbeiten stets auch eine soziale Note besitzen, jetzt erstmals außerhalb Brasiliens auf. Ihre Tanzabende sowie eine Intervention im öffentlichen Raum zählten zu den Höhepunkten des fünften Berliner Festivals des zeitgenössischen brasilianischen Tanzes „brasil move berlim“.

Heilung ist mehr als der Einsatz von Medizin

Welches Leiden soll geheilt werden? Ein körperliches oder ein gesellschaftliches? Die von Gira Dança gezeigten Zustände, welche einer Heilung bedürfen, ergeben eine breite Palette. Da findet auf der Bühne ein gewaltsamer Kampf um die technischen und mechanischen Hilfsmittel, die Krücken und Rollstühle, statt. Dann wird eine nicht körperbehinderte Tänzerin, die eigentlich Herrin ihrer Bewegungen ist, von den anderen gesteuert, ihre Gliedmaße Stück für Stück bewegt, die ganze Person im Grunde fremdbestimmt. Eine Frau kommt in Atemnot, während die anderen passiv zuschauen und sie ihrem Leiden überlassen. In einer wundervollen Passage zeigen alle Performer das Wechselspiel von Finden, Nähe, Liebe, Trennung, Ferne. Die großzügige Definition des Themas zeigt: Um einen Heilungsprozess einzuleiten, benötigt man mehr als nur die Künste der Biomedizin.

Die gesamte Performance auf der großen Bühne im Berliner Hebbel-Theater findet hinter deckenhohen, transparenten Plastikbahnen statt. Erst wenn die Tänzer am Ende der Aufführung durch diese Grenze schlüpfen, auf die Zuschauer in den Sitzreihen zugehen und austesten, ob sich diese berühren oder umarmen lassen, scheint die Heilung für einen kurzen Moment möglich zu sein.

Zeitgenössischer Tanz im Einkaufszentrum

Neben zwei Aufführungen im Theaterraum, einer Beteiligung an der „Langen Nacht der Opern und Theater“ sowie einem gut besuchten Publikumsgespräch erprobte die Compagnie in Berlin auch den direkten Publikumskontakt im öffentlichen Raum. Die Performer zeigten in einem Einkaufszentrum in der Nähe des Alexanderplatzes eine rund halbstündige Improvisation auf Grundlage der Bewegungen von „A Cura“. Inmitten der Warenwelt, umringt von zufälligen Kauflustigen, Passanten, Touristen und Tanzbegeisterten gelangen tatsächlich einige kurze Momente der „Heilung“: als beispielsweise eine Zuschauerin sich in den Rollstuhl eines gehbehinderten Performers setzte und von diesem sacht im Kreis gedreht wurde.

Thomas Völkner