Bolivien |

Aschenputtel aus dem Andenland oder Wolf im Schafspelz?

La Paz. Evo Morales stand die Freude ins Gesicht geschrieben, als er am Sonntag abend in La Paz auf den Balkon des Präsidentenpalastes trat und zu seinen Anhängern sprach. Er hatte soeben den deutlichsten Sieg bei einer Präsidentschaftswahl seit der Rückkehr zur Demokratie 1982 errungen und seine eigene Marke aus dem Jahr 2005 übertroffen. “Das Volk hat Geschichte geschrieben”, strahlte der erste indigene Präsident des Andenlandes. Gleichzeitig ist es seine Geschichte, eine, die wie ein Hollywood-Drehbuch anmutet. Geboren am 26. Oktober 1959 in einem bitterarmen Dorf der südlichen Provinz Oruro in einer Aymara-Bauernfamilie musste Morales die weiterführende Schule abbrechen und stattdessen Lamas hüten. Manchmal aß die Familie nur eine Suppe aus den ausgelutschten Orangenschalen, die Reisende aus den vorbeifahrenden Überlandbussen warfen, und die der kleine Evo eifrig aufsammelte. 1982 kostete ihm eine Hungersnot im Hochland fast das Leben. Von seinen sechs Geschwistern überlebten nur zwei.

Er floh in den Chapare, wo er auf die Kokabauern traf und Bekanntschaft mit den kämpferischen Gewerkschaften machte. Rund 40.000 Familien leben im subtropischen Tiefland des Chapare vom illegalen Verkauf der Kokablätter, die den Grundstoff für die Herstellung von Kokain liefern. Morales war bei Streiks und Demonstrationen dabei. Die Elite des Landes fürchtet ihn seither als Straßenblockierer, Nutznießer des Drogenhandels und marxistischen Aufrührer. Unzählige Male saß er im Gefängnis. Gefoltert habe man ihn, sagt Morales der in seiner Freizeit gerne Fußball spielt.

Doch das hat dem Bewunderer des kubanisch-argentinischen Revolutionshelden Ernesto "Che" Guevara seine sozialistischen Ideen nicht ausgetrieben und seine Popularität nur erhöht. Vor allem bei den Ureinwohnern. Aber auch Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chavez sah in dem Indigena schon früh einen Verbündeten gegen den US-Imperialismus. 1992 wurde er Vorsitzender der Kokabauern-Gewerkschaft, 1997 mit 70 Prozent der Stimmen seines Wahlbezirkes zum Kongressabgeordneten gewählt. Seine linke Partei, Bewegung zum Sozialismus (MAS), hatte zuvor schon lokale Erfolge eingefahren.

2005 schaffte der zweifache, ledige Vater den Coup: er siegte bereits in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, obwohl sein rechter Gegner Jorge Quiroga ihn als Schreckgespenst für Investoren und Gefahr für Marktwirtschaft und Demokratie abstempelte. Von da an setzte er seine Ideen in die Tat um. Er verstaatlichte die Grundstoffindustrien, womit er dank der Rohstoffhausse auf den Weltmärkten die Staatskassen füllen konnte. Das Geld investierte er vor allem in populäre Sozialprogramme für Kinder, Schwangere und Alte. Er trat dem von Venezuela angeführten linken Staatenbündnis Alba bei und setzte eine neue Verfassung durch, obwohl er das Land damit an den Rand der Spaltung brachte. Er baute mit venezolanischer und kubanischer Hilfe ein umfassendes Mediennetz und Gesundheits- und Alphabetisierungsprogramme auf.

Doch die Opposition im aufstrebenden Tiefland, dem wirtschaftlichen Herz Boliviens - Sitz der Sojabarone und Lagerstätte der Rohstoffe - konnte Morales nie brechen. Für sie ist Morales ein autoritärer Feind der Marktwirtschaft und ein Hochlandindianer, der die Anliegen des Tieflands missachtet. Ihren Autonomieforderungen musste Morales nach langem politischen Gezerre schliesslich nachgeben. Die Opposition ist durch ihre klare Niederlage zwar geschwächt, denkt aber schon an die nächste Runde: die Regional- und Kommunalwahlen im April, die für den MAS wohl nicht so triumphal ausfallen werden. Denn so beliebt Evo auch ist – für seine Parteigenossen gilt das nicht in gleichem Masse.

Autorin: Sandra Weiss