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Armut hat eine Farbe

Knapp 200 Millionen Menschen in Lateinamerika sind afrikanischer Abstammung. Ihre Tradition ist in vielen Ländern der Region Teil der Kultur. Trotzdem leben diese Bevölkerungsgruppen in allen Bereichen am Rande der Gesellschaft, werden diskriminiert und haben mit Rassismus zu kämpfen. Am Wochenende haben sich Repräsentanten aus 20 Ländern der Region und zahlreiche Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGO) auf der internationale Konferenz „Afro XXI- Encuentro Iberoamericano de Afrodescendientes“ im brasilianischen Salvador de Bahia getroffen und Strategien erarbeitet, um die Lebensbedingungen der afrikanisch stämmigen Bevölkerung Lateinamerikas zu verbessern.

Auf dem Gipfeltreffen wurden die Beiträge der Bevölkerungsgruppen mit afrikanischen Wurzeln zu Politik, Wirtschaft und Kultur der Länder Lateinamerikas gewürdigt. In der am Samstag unterzeichneten Abschlussdeklaration verpflichteten sich alle Teilnehmer weiterhin zur Umsetzung poltischer Maßnahmen, die der Diskriminierung und Benachteiligung der Schwarzen ein Ende setzten.

So soll es in Zukunft vermehrt Maßnahmen geben, die die soziale Inklusion der schwarzen Bevölkerung ermöglichen. Einen besonderen Wert wird dabei auf Bildungsprogramme gelegt. Nur so sei es langfristig möglich, die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung der Afro- Lateinamerikaner einzudämmen, heißt es in dem Abschlussdokument. Zu diesem Zweck haben die Teilnehmer, darunter auch die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und der uruguayische Präsident José Mujica, am Ende der Konferenz einen Fond ins Leben gerufen, der diese Maßnahmen finanzieren soll. „Bis heute leiden die Schwarzen in Lateinamerika unter den dramatischen Folgen der Sklaverei - das muss ein Ende haben“, sagte Rousseff am Samstag.

Mythos Rassendemokratie in Brasilien

Wie dringend notwendig solche Programme sind, wird deutlich, schaut man sich die Lebensbedingungen der afrikanisch stämmigen Bevölkerung in der Region an. In Brasilien lebt der größte Teil der Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Laut dem jüngsten Zensus, machen sie dort inzwischen sogar etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Afrobrasilianer erwirtschaften allerdings nur 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts, aus dem einfachen Grund, dass sie keine Arbeit haben. Die Arbeitslosenquote unter ihnen ist doppelt so hoch als bei weißen Brasilianern. Die Ursache dafür liegt wiederum in ihrer benachteiligten Situation. Im Durchschnitt besuchen Afrobrasilianer sieben Jahre die Schule und nur vier Prozent von ihnen haben Zugang zu höherer Bildung.

Findet ein Schwarzer Arbeit, verdient er in Brasilien lediglich die Hälfte von dem was ein Weißer für dieselbe Arbeit bezahlt bekommt. All dies führt dazu, dass 78 Prozent aller Afrobrasilianer unterhalb der Armutsgrenze leben. Das sind 30 Prozent mehr als bei der weißen Bevölkerung. Nach außen stellt sich der brasilianische Staat als eine offene und tolerante Regenbogennation dar, die problemlos zahlreiche ethnische Gruppen vereint. Dabei sind Rassismus und Diskriminierung an der Tagesordnung. Die internationale Organisation Minority Rights Group spricht in ihrem jüngsten Bericht von „einer konstanten sozioökonomischen Lücke zwischen Schwarzen und Weißen, die auf Grund von Diskriminierung in jedem Bereich der Gesellschaft zu Stande kommt“.

Soziale Ausgrenzung in Kolumbien

Auch in Kolumbien, dem lateinamerikanischen Land mit dem zweithöchsten Anteil schwarzer Bevölkerung, stellt sich die Situation ähnlich dar. Ein Viertel aller Kolumbianer ist afrikanischer Abstammung und Schwarze sind wie im Nachbarland Brasilien ebenfalls besonders häufig unter den Armen. Drei Viertel aller Menschen, die als arm gelten haben afrikanische Wurzeln. 60 Prozent der Afrokolumbianer haben keinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und auch der Zugang zu Bildung ist stark eingeschränkt. Viele afrokolumbianische Kinder gehen zwar in die Grundschule, allerdings besucht nur ein kleiner Teil davon die weiterführenden Schulen. So sind auch die Möglichkeiten, einen Beruf zu ergreifen, beschränkt. Afrokolumbianische Aktivisten werfen der Regierung vor, die Regionen mit einem hohen Anteil an afrikanisch stämmiger Bevölkerung bei der Investition in Infrastruktur zu benachteiligen. Sie bezeichnen dies als eine „geographische Apartheid und einen strukturierten sowie institutionalisierten Rassismus“.

Brasilien und Kolumbien stehen an dieser Stelle stellvertretend für alle Länder Lateinamerikas - in der Region in der nach Afrika die meisten Schwarzen weltweit leben. Es bleibt zu hoffen, dass den Worten bei „Afro XXI“ auch Taten folgen werden.

Autor: Anna-Maria Jeske