Kolumbien |

Angst um die "Stimme der Geiseln"

Journalist Herbin Hoyos Medina muss wegen Morddrohungen das Land verlassen.

Bogota. Kurz nach Mitternacht wird es hektisch auf dem Bolzplatz eines Armenviertels von Bogotá. Ein Dutzend Studenten taucht aus dem Dunkel der Nacht auf und beginnt hastig mit den Vorbereitungen für eine der wohl außergewöhnlichsten Radiosendungen der Welt. In Windeseile hat das Team von Radio Caracol unter freiem Himmel ein Mini-Studio aufgebaut, ehe Moderator Herbin Hoyos Medina (43) wie jede Woche in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Sendung mit den stets gleichen Sätzen beginnt: "Es ist ein Uhr in der Nacht. Hier ist die Stimme der Entführten von Radio Caracol, Kolumbien. Dieser Sender widmet sich den Entführten, die da draußen in den Wäldern und Bergen Kolumbiens auf Nachrichten von ihren Lieben warten. Die Sendung wird es noch so lange geben, bis der letzte Entführte endlich freigelassen ist."

An jedem Wochenende ist das Programm unter dem Namen "Las Voces del Secuestro" von Caracol zu hören, allerdings wird es stets von einem anderen Ort aus gesendet: "Weil wir damit den Geiseln so nah wie möglich sein wollen", sagt Hoyos. Doch jetzt ist die Fortsetzung der Sendung zu deren Hörerinnen auch die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt während ihres über sechs Jahre dauerndern Geisel-Matyriums in der Gewalt der Farc zählte, ernsthaft gefährdet. Doch jetzt bangen die rund 3000 Geiseln, die derzeit in den Fängen der beiden linken Guerilla-Gruppen Farc und ELN, der ultrarechten Paramilitärs oder ganz gewöhnlicher Menschenräuber um ihr Überleben zittern, um das Radioprogramm.

Denn Herbin Hoyos Medina musste in dieser Woche das Land verlassen, nachdem Hinweise auf seine bevorstehende Ermordung aufgetaucht waren. Wie kolumbianische Medien berichten, konnte ein Attentat der Farc-Rebellen am vergangenen Wochenende gerade noch verhindert werden. Ein Auftragsmörder der Guerilla-Organisation sollte den störenden Friedensaktivisten aus dem Weg räumen.

Jetzt traf Herbin Hoyos in Spanien ein. Vor dort aus will er trotz aller Probleme seine engagierte Arbeit fortsetzen. "Ich fühle mich ermutigt, weil dies das Ergebnis gewissenhafter Arbeit und zugleich ein Stich ins Herzen all derer ist, die keinen Frieden wollen", sagte Hoyos als Reaktion auf die Morddrohungen. Für seine jahrelange Arbeit wurde Hoyos im vergangenen Jahr mit dem nationalen Friedenspreis ausgezeichnet, der von der deutschen Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung mitgetragen wird. Insgesamt gab es bereits 78 Auszeichnungen für den Journalisten.

Grund dafür ist der kontinuierliche Einsatz für die vielen Opfer der unmenschlichen Entführungsindustrie in Kolumbien. Stundenlang lesen die Studenten während der Sendungen Nachrichten der Familienangehörigen an die Geiseln vor. Die vierjährige Marcela zum Beispiel grüßt gegen 2.30 Uhr ihren Papa, den sie gar nicht kennt, weil er seit viereinhalb Jahren verschleppt ist. Um 3.45 Uhr sendet die verzweifelte, 62 Jahre alte Maria einen Gruß an ihren Sohn, den sie seit fünf Jahren vermisst. Der Soldat der kolumbianischen Armee wurde von der Farc verschleppt.

Das Radio ist oft die einzige Verbindung zur Außenwelt, die die Geiseln während ihrer häufig jahrelangen Isolation haben. Sie klammern sich an jede Nachrichtensendung in der Hoffnung, dass es politische oder familiäre Neuigkeiten gibt, die ein wenig Licht in ihre aussichtslose Lage bringen könnten. Das Los während der Geiselhaft ist immer das Gleiche: warten, leiden und hoffen. "In dieser gottverlassenen Einsamkeit" sagt Radiomoderator Hoyos, der selbst einmal Wochen in Geiselhaft verbrachte, "klammerst du dich an jede Nachricht, die Hoffnung verspricht." Auch deswegen will Herbin Hoyos jetzt weitermachen, egal an welchem Ort der Welt. Sein Traum ist ohnehin ein globales Programm für alle die Menschen, die auf diesem Planeten verschleppt und entführt wurden. Vielleicht kommt er auf diesem Wege im spanischen Exil seinem Ziel sogar ein Stückchen näher.

Text und Foto: Tobias Käufer