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Amnesty fordert Bestrafung von Menschenrechtsverletzungen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat aus Anlass des Jahrestages an die blutigen Ausschreitungen in Jamaikas Hauptstadt Kingston erinnert, bei denen 74 Menschen, darunter zwei Polizisten, ums Leben gekommen waren. Den Hintergrund bildete der Ausnahmezustand, den die Regierung verhängt hatte, um den mutmaßlichen Drogenhändler Christopher Coke festzunehmen.

Festnahmen ohne Anklagen

Vom 24. bis 28. Mai 2010 erlebte Kingston eine Welle der Gewalt. Sie forderte zu den Todesopfern mindestens 54 Verletzte, von denen 28 den Sicherheitskräften angehörten. Die Polizei nahm etwa 980 Personen fest, darunter 67 Minderjährige und vier Frauen. In den folgenden Monaten wurden über 4.000 Menschen - auch Kinder - unter dem Ausnahmezustand verhaftet, die meisten von ihnen, ohne dass Anklage gegen sie erhoben wurde. Rechtsbeistand ließ der Staat nicht zu.

Jamaikanische „Desaparecidos“

In einem „Jamaika - ein langer Weg bis zur Gerechtigkeit“ betitelten Bericht prangert Amnesty International die gewaltsamen Übergriffe an, in deren Folge auch Menschen spurlos verschwanden. Die Verantwortlichen müssten ermittelt und verurteilt werden, heißt es. Ein Jahr danach sei noch immer niemandem der Prozess gemacht worden. Amnesty spricht vom schlimmsten Ereignis seit der Unabhängigkeit Jamaikas von Großbritannien im Jahr 1962. Vergleichbar sei dieses mit dem Massaker, das die Kolonialmacht 1831 an 500 rebellierenden Sklaven verübte.

Unabhängige Kommission gefordert

In den Amnesty-Bericht kommen Familienangehörige von infolge von Polizeimisshandlungen Getöteten zu Wort. Ihre Aussagen widersprechen den Angaben der Polizei. Ein Polizeichef hatte das professionelle Verhalten der Sicherheitskräfte gelobt. Amnestys Jamaika-Expertin Chiara Luori fordert eine unabhängige Kommission zur Aufklärung der Vorkommnisse. Die Menschenrechtsverletzungen dürften nicht ungesühnt bleiben, wie es so oft in der Vergangenheit auf Jamaika der Fall gewesen sei. (bs)

Quelle: Adital