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Amnestiekarawane: Kirche während der Diktatur

Am kommenden Freitag, 26. November, wird in São Paulo die 47. Amnestiekarawane erwartet. Diese vom brasilianischen Justizministerium im Jahr 2008 ins Leben gerufenen Tribunale sollen mehr Aufmerksamkeit für das Amnestieanliegen von Menschen wecken, die während der brasilianischen Diktatur (1964-1985) verfolgt wurden. Dieses Mal soll es u. a. um die Forderung nach einer Amnestie für den Befreiungstheologen Joseph Comblin gehen.

Tribunal zum Fall Joseph Comblin

Nach den Worten der stellvertretenden Generalsekretärin der Brasilianischen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden CNBB Sueli Bellato zufolge, gehe es bei den Tribunalen darum, über Menschenrechtsfälle an jenem Ort zu urteilen, an dem sie geschehen sind. Darüber hinaus solle das Gespräch mit der Jugend gesucht werden: „Unter den Fällen, die uns zugesandt wurden, haben wir einige ausgewählt, die eine große Debatte auslösen werden. Auf diese Weise möchten wir während der Amnestiekarawane mit der Jugend ins Gespräch kommen“, so Bellato.

In diesem Zusammenhang hob sie den Fall des Theologen Joseph Comblin hervor: „Mit der Karawane möchten wir die Wahrheit freilegen. Im Fall von Comblin war es so, dass er als schädlicher Einfluss betrachtet und ohne jede Begründung des Landes verwiesen wurde. Dabei schulden wir ihm sehr viel.“

öffentliche Entschuldigung oder Entschädigung möglich

Dem streitbaren, 1923 im belgischen Brüssel geborenen Priester war im Zuge gestiegener Spannungen zwischen Staat und Kirche im Jahr 1972 nach einem Heimaturlaub in Belgien die Wiedereinreise nach Brasilien verweigert worden. Man zwang ihn stattdessen, nach Brüssel zurückzukehren. Comblin lebt mittlerweile wieder in Brasilien, wo er als Autor tätig ist.

Sollte das Tribunal zu dem Ergebnis kommen, dass es sich um einen Fall politischer Verfolgung handelt, wird der brasilianische Staat sich öffentlich bei dem Theologen entschuldigen. Sollte eine damalige berufliche Bindung des Priesters festgestellt werden, könnte er sogar eine finanzielle Entschädigung für die erzwungene Aussiedlung erhalten.

Würdigung des Widerstands von Theologen

Die diesjährige Karawane, die im Auditorium des Instituts Sedes Sapientiae beginnt, wird auch die Fälle des emeritierten Kardinals von São Paulo, Don Paulo Evaristo Arns, und der Gründerin des Instituts, der Äbtissin Cristina, verhandeln. Beide zeichneten sich durch ihre entschiedene Positionierung für einen Widerstand von Theologen vor, während und nach der Diktatur aus und gelten als wichtige Führungspersönlichkeiten dieser Zeit. Die beiden stünden zudem beispielhaft dafür, „wie die Katholische Kirche für ihre Verteidigung der Menschenrechte verfolgt“ worden sei.

Die Karawane ist eine Initiative des Justizministeriums in Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtssekretariat des Präsidentenamts der Republik (SDH) und wird von Organisationen unterstützt, wie dem Institut Sedes Sapientiae, der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, der Gruppe Tortura Nunca Mas/SP sowie weiteren Gruppierungen aus der Zivilgesellschaft und von Opfern und Angehörigen der Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur. (bh)

Quelle: Adital