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Amazonas-Synode: politischer und religiöser Sprengstoff

Der Papst empfängt mehr als hundert Bischöfe aus neun Ländern zur Amazonas-Synode. Auf der Agenda stehen der Schutz des Regenwaldes und seiner Bewohner sowie die Frage nach dem Zölibat und einem Weiheamt für Frauen.

Lateinamerika Amazonas Brasilien Purus Boot

Per Boot besuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche im Amazonasgebiet die Gemeinden. Foto: Adveniat/Gleice Mere

Wenn von Sonntag, 6. Oktober 2019, an rund 120 Bischöfe und Erzbischöfe aus Lateinamerika mit Papst Franziskus im Vatikan zur Amazonassynode zusammenkommen, geht es um Themen von großer politischer und innerkirchlicher Sprengkraft. Dementsprechend ist das Konzil auf drei Wochen angesetzt, während denen Geistliche aus den neun Anrainerstaaten der grünen Lunge der Welt über den Erhalt des Ökosystems Amazonien, Kultur und Rechte der Indigenen sowie die Zukunft der kirchlichen Seelsorge im Regenwald sprechen und sicher auch streiten werden. 
 
2017 lud der Papst zu der Bischofsversammlung ein und gab die Themen vor: „Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie". Die Amazonas-Waldbrände und der Widerstand von Brasiliens rechtsradikalem Präsidenten Jair Bolsonaro gegen die Kategorisierung des südamerikanischen Regenwaldes als globale Lebensader geben der Versammlung eine ungeahnte Aktualität. Plötzlich erwartet die ganze Welt von der Synode Vorschläge zur Lösung der Ökokrise in Südamerika. Und während beim Thema Umwelt- und Klimaschutz vermutlich schnell Einigkeit zu erzielen sein wird, dürfte die mögliche Aufweichung des Zölibats zwischen Bewahrern und Erneuerern kontrovers diskutiert werden. Schließlich rüttelt die katholische Kirche damit an ihren jahrhundertealten Grundfesten. 

Die Kirche als Kämpfer für die Rechte der Urvölker
 
In erster Linie aber hoffen die am Amazonas lebenden drei Millionen Indigenen aus fast 400 Ethnien auf Unterstützung für ihren Kampf für Selbstbestimmung und gegen die wirtschaftliche Ausbeutung des Urwaldes. Sie leben im Einklang mit dem Regenwald und werden in ihrer Lebensform und ihrer Existenz durch die Brände sowie Goldsucher, Holzfäller, Viehzüchter, Palmölplantagen und Wasserkraftwerke gefährdet. Und schlimmer noch: Die aktuelle brasilianische Regierung verweigert den Indigenen ihr Recht auf Selbstbestimmung. In diesem Panorama sei die katholische Kirche einer der wenigen Alliierten der ursprünglichen Völker, befindet Dom Wilmar Santin. „Die Kirche muss den Urvölkern eine Stimme geben, die keine haben“, unterstreicht der Bischof von Itaituba im brasilianischen Amazonas-Bundesstaat Pará im Gespräch.
 
Das ist aber zunehmend schwieriger in einem Gebiet von acht Millionen Quadratkilometern, was knapp das Doppelte an Fläche der 28 EU-Staaten entspricht. Gerade einmal 3.828 Priester versehen in den Gemeinden ihren Dienst, von denen viele das Ausmaß von Ländern haben. Viele abgelegene Orte besucht der Pfarrer ein bis zwei Mal im Jahr. 

Bischof Kräutler: Weihe für Verheiratete und Frauen als Diakone
 
Aus diesem Priestermangel in Amazonien erwuchs eines der umstrittensten Themen, das die Synode debattieren wird. Darf die katholische Kirche den Zölibat aufweichen und zumindest in der Amazonas-Region das Priesteramt für verheiratete Männer und das Diakonat für Frauen öffnen? Papst Franziskus selbst forderte von seinen Amazonas-Bischöfen „mutige und innovative“ Vorschläge für die Synode. Diese wird er bekommen. So spricht sich etwa der Bischof Erwin Kräutler dafür aus, im Glauben und der Seelsorge bewährten Ehemännern, so genannten viri probati, die Priesterweihe zu spenden. Der aus Österreich stammende Kräutler, der von 1981 bis 2015 Bischof der Prälatur Xingu in Brasilien war und bis heute dort lebt, fordert zudem, die Synode müsse auch „Frauen zur Diakonatsweihe zulassen“. Zum einen sei das ein Gebot der Gleichberechtigung und zum anderen ein Erfordernis, um den Vormarsch der evangelikalen Freikirchen im Amazonas-Becken zu stoppen, sagte Kräutler dem katholischen Lateinamerika-Hilfswerk „Adveniat“.
 
Die Herausforderung für die katholische Kirche ist es daher, von der „Besuchspastoral“ wegzukommen und zukünftig eine „Anwesenheitspastoral“ zu etablieren. Schließlich habe die Vatikan in der Region in den vergangenen 30 Jahren die Hälfte der Gläubigen verloren, betont die Soziologin Márcia Oliveira. „Entweder ändert die Katholische Kirche ihr Konzept und legitimiert diejenigen, die täglich bei den Gläubigen sind, oder sie verliert noch mehr Anhänger an die Freikirchen, die in sehr vielen Gemeinden ständig präsent sind“, betont die Religionsexpertin.

Kontroversen innerhalb der katholischen Kirche

Vermutlich können die Amazonas-Bischöfe den Papst vom Aufweichen des Zölibats nur dann überzeugen, wenn sie mit einer Stimme sprechen. Daran arbeiten die Befürworter seit vielen Monaten auf unzähligen Vorbereitungstreffen. Störfeuer kommen aber vor allem von außen und besonders aus Deutschland. Kardinal Walter Brandmüller, lange Jahre Vorsitzender des Päpstlichen Kommitees für Geschichtswissenschaft, warnt vor einem solchen Schritt. Das bedeute einen „fehlgeleiteten Umbau der Kirche“. Der 90-Jährige unterstellt den Teilnehmern der Amazonas-Synode sogar „häretische“ Absichten, also Ideen, die in offenem Widerspruch zu kirchlich-religiösen Glaubensgrundsätzen stehen. 
 
Dennoch ist sich der Vorsitzende der Amazonien-Synode und Vizepräsident des kirchlichen Amazonasnetzwerks Repam, Kardinal Pedro Barreto, sicher, dass das Konzil wegweisende Ergebnisse hervorbringen wird. „Die Präsenz der katholischen Kirche im Amazonas wird nach der Synode eine andere sein“, unterstreicht der peruanische Geistliche. 
 
Dabei muss sich die katholische Kirche in der Region zunehmend gegen Anfeindungen aus der Politik wehren. Präsident Bolsonaro gestand jüngst ein, dass der Geheimdienst Abin die Vorbereitung der Synode im Vatikan überwache. Der ultrarechte Staatschef hält die katholische Hierarchie in seinem Land für links unterwandert. Von der Synode in Rom fürchtet er im Besonderen ein Signal, das die nationale Souveränität Brasiliens untergräbt. „Schließlich hat der Papst viel politischen Einfluss“, sagt Bolsonaro.

 

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