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Alternativpartei gegen den Status quo

Seit einem halben Jahrhundert bestimmen die ´Labour Party´ und die ´People´s National Party´ die Politik in Jamaika. Die Historikerin, Universitätsdozentin und Kinderrechtsaktivisten Betty Ann Blaine ist der Meinung, dass einMachtwechsel überfällig ist. Mit ihrer neuen Partei ´New Nation Coalition´ (NNC) hat sie sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, die nächsten Wahlen zu gewinnen.

In Jamaika sind in den vergangenen Jahrzehnten Dutzende Parteien auf der Bildfläche erschienen und dann sang‐ und klanglos wieder verschwanden. Das werde der im August gegründeten NNC nicht widerfahren, sagt Blaine entschieden. Sie, die sich im Leben alles hart erkämpfen musste, ist fest entschlossen, die NNC im Jahr 2012 zum Sieg zu führen.

Aus armen Verhältnissen

Die Tochter einer Marktfrau und eines wohlhabenden Weißen wuchs in armen Verhältnissen in der Hauptstadt Kingston auf. "Nachdem mein Vater eine schwarze Frau vom Land geheiratet hatte, wollte seine Familie nichts mehr mit ihm zu tun haben", erinnert sich die NNC‐Chefin, die unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen aufwuchs. "Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes die schwarzen Schafe. Die Angehörigen meines Vaters schämten sich für uns."

Blaine ging nach der Schule in die USA, wo sie an der Columbia University in New York studierte und sich in der afrokaribischen Bewegung engagierte. Als sie Jahre später in die Heimat zurückkehrte, setzte sie sich für Rechte von Kindern in den Armenvierteln von Kingston ein und gründete die Hilfsorganisation ´Hear the Children´s Cry´.

Politisch aktiv wurde Blaine 2001, als sie die inzwischen aufgelöste ´United Peoples Party´ mitbegründete und deren Vizepräsidentin wurde. Bekannt ist sie der Bevölkerung des Landes auch aus dem Fernsehen. Sie moderierte eine Talkshow.

Dickes finanzielles Polster vonnöten

Auf ihrem Weg habe sie viel einstecken müssen, berichtet Blaine. Doch nur wer gute und schlechte Erfahrungen und viele Fehler gemacht habe, könne ein guter Politiker werden. Vor der Chefin der 46. Partei, die seit der Unabhängigkeit Jamaikas 1962 gegründet wurde, liegen harte Monate. Nach Ansicht des Politikanalysten Lloyd B. Smith wird Blaine nicht nut erhebliche finanzielle Engpässe überwinden müssen. Es wird auch schwierig werden, neue Wähler zu gewinnen.

"Man muss die Jamaikaner ansprechen, die sich von dem bestehenden politischen System abgewandt haben", erklärte Smith. Um aber Erfolg zu haben, benötigten die Parteien ein dickes finanzielles Polster. "Keiner der großen Sponsoren möchte einen ´Loser´ unterstützen", meint der Experte.

Zeit für Wandel

Blaine zufolge ist in Jamaika die Zeit für einen Wandel gekommen. Wie sie betont, sollen die Menschen genau wissen, mit wem sie es zu tun haben werden und was sie erwarten dürfen. Die NNC beruft sich auf christliche Werte, will aber alle Wählerschichten ansprechen.

Der Konflikt um die Auslieferung des Drogenbosses Christopher ´Dudus´ Coke an die USA hat Blaine letztlich dazu bewogen, in die Politik zurückzukehren. Bei Unruhen in Elendsvierteln in Kingston wurden im Frühjahr 73 Zivilisten und drei Polizisten getötet.

"Jamaikas Ruf war schwer geschädigt", so Blaine. "Wir werden hart arbeiten müssen, um das Bild wieder zurechtzurücken. Die meisten Jamaikaner sind keine kriminellen Drogenhändler, sondern emsige, talentierte, reich beschenkte und gottesfürchtige Leute."

Frauen an die Macht

Blaine zufolge ist es wichtig, dass sich Frauen in der Politik engagieren– nicht nur in Jamaika, sondern im gesamten Karibikraum. "Frauen bringen frischen Wind in die Politik", sagt sie. "Es ist wichtig, dass wir zu neuen Vorbildern werden. Wir sehen die Dinge anders. Daher wünsche ich mir, dass mehr Frauen in politische Ämter vorrücken."

Sollte Blaines Partei bei den Wahlen die Stimmenmehrheit gewinnen, wäre sie die zweite Premierministerin in der Geschichte des Landes. Erste Regierungschefin war Portia Simpson‐Miller (März 2006‐September 2007) von der ´People´s National Party´. Seit dem Wahlsieg von Bruce Golding von der ´Jamaika Labour Party´ führt Simpson‐Miller die Opposition an.

Frauen könnten die Politik revolutionieren. meint auch die Menschenrechtsaktivistin Yvonne McCalla Sobers, die die Organisation ´Families Against State Terrorism´ (FAST) gegründet hat. "Sie haben die Fähigkeit, die Dinge menschlicher zu sehen."

Autorin: Von Kathy Barrett, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, in: IPS-Weltblick