Mexiko |

Allein gegen die Mafia

Das Büro ist schlicht, gleich zwei Meter hinter dem Schreibtisch von Marisol Valles García sichern schwere Eisenstäbe den Raum gegen ungebetene Besucher. Die junge, zierliche Frau mit Brille und dunkelbraunen Haaren lässt kein Zweifel daran, dass sie weiß, auf welches Abenteuer sie sich da eingelassen hat: "Die Angst ist natürlich da, aber ich glaube, dass wir etwas für unsere Gemeinde tun können", sagt die 20 Jahre alte Mutter eines kleinen Jungen trotzig.

Während andere Frauen in ihrem Alter noch in der Ausbildung stecken oder an der Universität studieren, ist Marisol Valles plötzlich die Polizeichefin der 3000-Seelen-Gemeinde Práxedis G. Guerrero. Die Kleinstadt liegt im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko. Hier tobt der blutige Drogenkrieg.

Keine Kandidaten für den Posten

Auf die offene Stelle des Polizeichefs hat sich niemand sonst gemeldet. Die Kleinstadt in der Marisol Valles ihren Sohn groß ziehen will, gilt als eine der gefährlichsten Gemeinden Mexikos, deshalb war kein anderer Bewerber bereit, sich diesem Risiko im "Dreieck des Todes" auszusetzen, wie die Mexikaner die Region in einer Mischung aus Abscheu aber auch Bewunderung nennen. Erst vor wenigen Tagen war der Bürgermeister von Praxedis von Drogendealern erschossen worden. Seit Jahresbeginn war es bereits das neunte Stadtoberhaupt, das in Mexiko ermordet wurde.

Übermächtiger Gegner

Der Gegner ist übermächtig: Mexikos Drogenkartelle sind hochgerüstete kriminelle Organisationen, die ihre Milliarden-Einnahmen in die Absicherung der Macht stecken. Mit modernen Waffensystemen, ebenso gut ausgebildeten wie skrupellosen Kämpfern und Millionen an Schmiergeldern für korrupte Polizisten und Politiker haben sie die mexikanische Gesellschaft unterwandert. Zwar gelangen der mexikanischen Polizei jüngst spektakuläre Erfolge gegen prominente Drogenbosse, doch besiegt ist der unheimliche Gegner noch lange nicht.

Prävention und Werte fördern

Was soll Marisol Valles alleine gegen einen solchen Feind ausrichten. Sie setzt auf Überzeugungsarbeit: "Unsere Polizisten werden von Haus zu Haus gehen und über Prävention sprechen. Wir wollen die Werte der Familie fördern."

Der Mut der jungen Frau fasziniert die lateinamerikanischen Medien. Fast alle großen Blätter der Region berichten über die Studentin der Kriminologie , die gerade erst ihre Abschlussarbeit abgegeben hat. Ihre Vorstellung am Mittwoch sorgte für einen kleinen Medienauflauf, doch Marisol Valles präsentierte sich selbstbewusst und mit einem klaren Konzept. Erstmals trug sie das weiße Polizeihemd mit dem Logo der mexikanischen Polizei. Sie spricht von "meinen Leuten", wenn sie von ihren Kolleginnen und Kollegen auf der Wache berichtet. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass sie nicht in vorderster Front gegen die Drogenmafia kämpfen werde, das sei Aufgabe der Bundespolizei. „Mein Ziel ist es die Gemeinde stärker zu machen.“

Autor: Tobias Käufer