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Allein gegen die Holzmafia

"Meine Geduld hat ein Ende", sagt Mary, die drei Kinder allein durchbringen muss, seitdem ihr Mann Mitte Februar von Mitgliedern einer lokalen Holzmafia aus dem Haus der Familie verschleppt wurde. Sie und ihre Nachbarn wollen nicht länger hinnehmen, dass ihre Wälder im mexikanischen Bundesstaat Michocán vernichtet und sie selbst Opfer von Anschlägen werden. Mit Stöcken und Steinen bewaffnet proben die Menschen, die sich von den lokalen Behörden im Stich gelassen fühlen, den Widerstand.

Keinerlei Hilfe von den Behörden

"Als die Probleme mit den Holzfällern begannen, informierte mein Mann sofort die Behörden", berichtet Mary im Gespräch. "Doch niemand hat sich darum gekümmert. Und dann haben sie ihn entführt." Die Frau zeigt eine Stickarbeit, auf der das Gesicht einer Purépecha-Indigenen zu sehen ist. "Ehefrau eines Entführten. Ehefrau eines Verschwundenen. Der Kampf geht weiter", ist darunter zu lesen. Mary hat gut vier Dutzend solcher Stickereien angefertigt, von deren Verkauf sie eigentlich ihre Familie ernähren wollte. Bis jetzt hat sie aber alle verschenkt.

Von der Zentralregierung und den Behörden in ihrem Bundesstaat Michoacán erwartet sie keine Unterstützung. Niemand in ihrem Ort will jetzt noch länger auf Hilfe warten. "Wir sind entschlossen, das zu tun, was für uns am besten ist."

Michoacán einer der gefährlichsten Staaten Mexikos

Außer ihrem Mann Rafael García sind in den vergangenen drei Jahren fünf andere Mitglieder der Purépeche-Ethnie in Chéran verschleppt worden. Michoacán im mittleren Westen, wo die Gang ´La Familia´ aktiv ist, gilt als einer der gefährlichsten Bundesstaaten Mexikos. Zwölf weitere Indigene wurden bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Holzfällern getötet, die mit den organisierten Banden zusammenarbeiten.

Kürzlich besuchten Vertreter der ´Bewegung für den Frieden mit Gerechtigkeit und Würde´ die Gemeinde, um ihr Lebensmittel zu bringen. Die Aktivisten wurden von den Dorfbewohnern mit Musik und Tänzen empfangen. "Drei Jahre lang haben wir versucht, das Problem mit Worten zu lösen. Die Politiker wollten uns mit ihren Antworten aber nur täuschen", sagt Salvador Campanú, der zwischen den Opfern der Gewalt und Staatspräsident Felipe Calderón vermitteln wollte.

Einwohner greifen zur Selbsthilfe

Wie die Indigenen berichten, ist der Wald auf dem Berg San José nach drei Jahren illegaler Aktivitäten verschwunden. Als dann die Holzfäller La Cofradía in Angriff nehmen wollten, begannen die 13.000 Bewohner des Ortes mit ihrem Widerstand. Daraufhin kam es zu den ersten Morden, Entführungen und Erpressungsfällen.

Am 15. April griffen die Menschen in Chéran erstmals zu Knüppeln und Steinen, um die bewaffneten Aggressoren unschädlich zu machen. Sie errichteten Barrikaden und Mauern an den Dorfeingängen. Als nach zehn Tagen die Lebensmittelvorräte zur Neige gingen, baten sie die Regierung, Militär zu ihrem Schutz zu entsenden. Doch während die Soldaten wegblieben, kamen zivilgesellschaftliche Organisationen und religiöse Gruppen, die Nahrungsmittel dabei hatten.

Barrikaden und Bürgerwehren

Die Einwohner von Chéran versuchen seitdem, den Ort selbst zu verwalten. Die so genannte Volksversammlung, die die Aufgaben des Bürgermeisters wahrnimmt, teilte im November den Behörden mit, dass sie sich nicht an den Wahlen beteiligten, sondern ihre Amtsträger selbst bestimmen würden.

Da die Schulen in dem Dorf geschlossen sind, haben sich die Lehrer bereit erklärt, den Unterricht auf eigene Initiative weiterzuführen. Die größte Sorge gilt allerdings der öffentlichen Sicherheit. Die Einwohner errichteten aus diesem Grund rund 200 Barrikaden und setzten Bürgerwehren ein, die seitdem rund um die Uhr die Straßen der Ortschaft überwachen. Meistens sind es junge Männer, die mit Stöcken und Steinen bewaffnet, Wache schieben.

Holzfäller heuern Gangster an

Den Dorfbewohnern zufolge heuern die Holzfäller kriminelle Banden als Schlägertrupps an. Verantwortlich für das Gemetzel an ihren Wäldern machen sie den Bürgermeister des Nachbarortes Rancho Seco, Roberto Bautista Chapina. Er sei der Kopf einer lokalen Zelle der Gang La Familia.

Dieser Ansicht ist auch Zenaida Vázquez, deren Mann Domingo Chávez am 9. Juni, etwa einen Monat nach seinem Verschwinden, ermordet aufgefunden wurde. Gesicht und Füße der Leiche waren völlig verbrannt. Bei der Autopsie wurde außerdem eine Kugel im Körper gefunden. Dennoch beharrte Chapina darauf, dass der Mann bei einem Unfall ums Leben kam.

Das Dorf Chéran schottet sich unterdessen weiter von der Außenwelt ab. Die Angst und der Überlebenswille seien stärker als der Wunsch, aus Chéran wegzugehen, sagt einer der selbst ernannten Polizisten, der sein Gesicht hinter einem Tuch verbirgt. Seinen Namen will er aus Sicherheitsgründen nicht nennen. "Seit zwei Monaten habe ich das Dorf nicht mehr verlassen, weil ich meine Familie schützen muss."

Autorin: Daniela Pastrana in IPS-Weltblick