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Aktivisten auf offenem Meer getötet - ölfirmen in Verdacht

Während die Staats- und Regierungschefs der UN-Mitgliedsländer auf der Konferenz für nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro (´Rio+20´) über ein Abschlussdokument verhandelten, hat der Kampf gegen Umweltverbrechen zwei Fischern das Leben gekostet.

Am 22. Juni, dem letzten Tag der Rio+20-Konferenz, warteten die Familien von Almir Nogueira und Jõao Luiz Telles in dem kleinen Fischerdorf Mauá in der Gemeinde Magé 84 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro entfernt vergeblich auf die Rückkehr der beiden Fischer. Nogueira wurde zwei Tage später an einem nahen Strand an sein Boot gefesselt tot aufgefunden. Die an Händen und Füßen zusammengebundene Leiche von Telles wurde am 25. Juni an einen anderen nahe gelegenen Strand angespült. Beide Männer waren offenbar ertränkt worden.

"Die Heimat der Männer war das Meer, dort sollen sie auch den Tod finden – das war die Botschaft, die uns die Mörder vermitteln wollten", sagte Alexandre Anderson, Präsident der Vereinigung der Männer und Frauen des Meeres (Ahomar) auf einer Trauerfeier für die beiden Fischer am 29. Juni. Nogueira und Telles waren Mitglieder der Organisation, der insgesamt rund 2.000 Fischer angehören und die seit mehreren Generationen in der Bucht Baía de Guanabara – dem Eingangstor zu Rio de Janeiro – gegen die Verschmutzung der Meere und die Erhaltung der Lebenswelt der dort wohnenden Menschen kämpft.

Verantwortlich für Verschmutzung seien die ölkonzerne

Verantwortlich für die Verschmutzung macht die Organisation die Großindustrie, allen voran die ölkonzerne. Seit 2007 protestiert Ahomar gegen die Arbeiten des öl-Konglomerats ´Complexo Petroquímico do Rio de Janeiro´ (Comperj), einer der finanzstärksten Investitionen der staatlichen ölgesellschaft Petrobras und des ´Programms für ein schnelleres Wachstum´, das noch der ehemalige brasilianische Staatspräsident Luis Ignacio ´Lula´ da Silva (2003-2011) auferlegt hatte und das nun seine Amtsnachfolgerin Dilma Rousseff weiterführt.

Dem öl-Konglomerat unterstehen in der Baía de Guanabara die Subunternehmen GDK und ´Oceânica´. Die Fischer- Vereinigung Ahomar bezichtigt die beiden Firmen, die Fischpopulation in der Region um 80 Prozent reduziert zu haben und darüber hinaus die menschliche Gesundheit beeinträchtigt und der Flora und Fauna zugesetzt zu haben.

Im Jahr 2009 besetzten die Fischer die öl- und Gasfördergebiete der Unternehmen im Meer und an Land. Seitdem sahen sie sich immer wieder Morddrohungen ausgesetzt, und mehrere Fischer wurden bereits tot aufgefunden. Zu den Opfern zählt der Schatzmeister von Ahomar, Paulo Souza, der 2009 vor den Augen seiner Familie angegriffen und schließlich mit fünf Kopfschüssen ermordet wurde. Im Jahr darauf wurde einer der Gründer der Fischerorganisation, Marcio Amaro, im Beisein seiner Mutter und seiner Ehefrau in seinem Haus ermordet.

Morddrohungen mehrten sich

Keiner der beiden Fälle wurde jemals aufgeklärt. Ende 2011 mehrten sich die Morddrohungen: Die Fischer wehrten sich gegen eine Entscheidung des Staatlichen Instituts für die Umwelt, einen bei den Anwohnern unbeliebten Vorschlag wieder aufzugreifen. Der Fluss Guaxindiba, der in die Guanabara-Bucht mündet, sollte als Wasserstraße freigegeben werden, in erster Linie, um die für die Erdölförderarbeiten erforderliche technische Ausstattung zu transportieren.

Auch Anderson wurde mehrmals bedroht, obwohl er als Menschenrechtsaktivist unter dem Schutz des Staates steht und stets mit einer Polizeieskorte unterwegs ist. "Es ist bedauerlich, dass wir nur dann so ein großes Medienecho erzeugen, wenn zwei unserer Fischer zu Tode gekommen sind", sagte Marcelo Freixo auf der Trauerfeier. Der Abgeordnete der Partei für Sozialismus und Freiheit, der der Menschenrechtskommission im Abgeordnetenhaus von Rio de Janeiro vorsitzt, fügte hinzu: "Ich hoffe, dass wir uns nicht das nächste Mal zusammenfinden, um auch den Tod von Alexandre zu beklagen."

Morde an Fischern sind politische Verbrechen

"Es geht hier inzwischen auch um die Menschen, die wegen ihres legitimen Kampfes für die Guanabara-Bucht ums Leben gekommen sind ", sagte Sandra Carvalho von der brasilianischen Menschenrechtsorganisation ´Globale Gerechtigkeit´. Carvalho fordert eine Aufklärung der Verbrechen durch Polizei und Justiz. Für die Menschenrechtsaktivisten sind die Morde an den Fischern klare "politische Verbrechen".

Die Subunternehmen der ölbranche beauftragen Sicherheitsfirmen, "die vor Einschüchterung, Drohungen und nicht einmal Morden zurückschrecken", sagte Freixo. Der Abgeordnete geht allerdings nicht davon aus, dass die Morde von der staatlichen ölfirma Petrobras in Auftrag gegeben wurden. "Die Firma ist jedoch an dem Projekt beteiligt und kann nicht so tun, als gehe sie die ganze Angelegenheit nichts an." Genau das macht Petrobras allerdings. In einer Mitteilung an IPS schrieb das Unternehmen, dass es keinerlei Informationen über die Morde habe. "Wir sind ein sozial- und umweltbewusstes Unternehmen", heißt es außerdem lapidar in dem Schreiben.

Ahomar-Präsident Anderson meint zu wissen, wer hinter den Morden steckt. "Das sind Menschen, die viel Geld an der Industrialisierung der Guanabara-Bucht verdienen." Dazu gehören seiner Ansicht nach Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen und Transportunternehmen genauso wie Mitarbeiter der Provinzregierung und der Sicherheitskräfte.

Quelle: IPS, Autorin: Fabiana Frayssinet

Foto: Flickr/Brathes