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"Agrargifte sind ein notwendiges Übel."

Nach Ansicht des Chemikers Josino Costa Moreira sind Agrargifte unverzichtbar, wenn Brasilien sein derzeitiges landwirtschaftliches Produktionsniveau halten will. Sie müssten allerdings strikt kontrolliert werden - hier gebe es erhebliche Mängel.

Wie bewerten Sie die Überwachung von Agrargiften in Brasilien?

Die gesetzlichen Voraussetzungen sind durchaus vorhanden, aber die Einhaltung der Gesetze wird kaum überwacht. Verschärfend kommt hinzu, dass die Justiz langsam arbeitet. Im größten Teil Brasiliens können Agrargifte frei gekauft und angewendet werden, ohne jeden Hinweis zu ihrem korrekten Gebrauch.

Welche Gründe haben dazu geführt, dass Brasilien heute weltweit der größte Verbraucher von Agrargiften ist?

Hier muss sicher die Politik der Regierungen genannt werden, die landwirtschaftliche Produktion durch Anreize zu steigern. Zudem hat der extensive Anbau transgenischer Pflanzen in Monokulturen zu einer verstärkten Nachfrage nach bestimmten Produkten geführt. Hier wird gerne damit argumentiert, dass der Grad der Giftigkeit vergleichsweise gering ist, zugleich aber der Ertrag höher ausfällt. Leider fehlen umfassende Studien über einen längeren Zeitraum, welche die Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen untersuchen, die dauerhaft Agrargiften ausgesetzt sind. Derzeit gibt es nur Studien über einen kleinen Teil der erhältlichen Agrargifte.

Während die USA und die Europäische Union die Verwendung von Agrargiften verbieten, steigert Brasilien den Verbrauch. Bewegen wir uns in die falsche Richtung?

Das würde ich so nicht sagen. Ich glaube nur, dass Brasilien ein Land ist, in dem das Treffen von Entscheidungen grundsätzlich länger dauert, auch weil Interessen im Spiel sind, die miteinander im Widerstreit stehen. Erinnert sei an die gut funktionierende Kommission, die sich des Themas Agrargifte in Brasilien annimmt. Ihr gehören Vertreter des Gesundheits-, Landwirtschafts- und Umweltministeriums an, die in ihren Positionen ja nicht immer übereinstimmen und zudem oft Druck vielfältiger Art ausgesetzt sind. Dieser Druck wird auch auf die Entscheidungsträger ausgeübt. Insgesamt geht es voran, wenn auch vielleicht nicht in dem Tempo, das wir uns wünschen würden.

Gibt es eigentlich ein „sicheres“ Agrargift?

Das ist eine schwierige Frage, denn was heißt denn „sicher“? Gibt es eine sichere Technologie? Normalerweise birgt jede Technologie ein Risiko, das gilt auch für die Landwirtschaft. Dieses Risiko kann hinnehmbar sein oder aber auch nicht. Das Problem liegt darin, hier die Grenze zu ermitteln.

Was muss für Menschen getan werden, die mit Agrargiften arbeiten?

Um die Probleme, die aus einem wahllosen Gebrauch von Agrargiften resultieren können, zu minimieren, ist es unerlässlich, bei der Landbevölkerung ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen. Neben einer angemessenen technischen Anleitung im Umgang mit Agrargiften müssen diese kontinuierlich überwacht werden. Es sollten auch deutlich Alternativen benannt werden. Zielgruppe sind vor allem die jungen Menschen, denn Erwachsene gehen schon lange Zeit mit den Agrargiften um und sträuben sich gegen eine Veränderung ihrer Gewohnheiten. Sie sind skeptisch gegenüber Effekten, die erst auf längere Sicht eintreten.

Braucht die Welt heute eigentlich Agrargifte?

Wenn wir unser derzeitiges Produktionsniveau aufrechterhalten wollen, dann sind Agrargifte – oder sagen wir besser Agrarchemikalien – ein „notwendiges Übel“. Wie jedes Übel müssen sie aber strikt kontrolliert werden. Es bestehen Alternativen, wie zum Beispiel die organische Produktion, deren Vorzüge, aber auch Grenzen, stärker in die öffentlichkeit getragen werden müssen. Eins steht jedenfalls fest: Es ist möglich, genug Lebensmittel für die gesamte Weltbevölkerung herzustellen und dabei die Gesundheit des Menschen und die Umwelt deutlich weniger zu belasten als derzeit.

Quelle: Adital, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel