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Afrodescendents - diskriminiert und ausgegrenzt

Merkwürdige Zensusfragen

„Hat der Interviewte dicke, massige, aufgeworfene Lippen (…) eine breite Nase mit einer breiten Nasengrube, die durch knorpelartige Hügel abgegrenzt sind (…) ein gerades oder leicht konkaves Profil (…) das Haar flaumartig (…)? Interviewer: Beobachten Sie, ob eine oder mehrere dieser Charakteristiken vorliegen, um die Person als Afrodescendent zu markieren oder nicht“.

Dieses Zitat stammt nicht aus einem vergilbten Buch der kolonialen Rassenkunde. Leider nicht. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) zitiert in ihrer Ende des vergangenen Jahres erschienenen Studie "Die Situation von Afrodescendents in Lateinamerika“ Beispiele für Zensusfragen aus der Region.

"Internationales Jahr der Afrodescendents"

Obiges Zitat stammt aus dem paraguayischen Zensus zur Ermittlung der Zahl von Afrosdescendents von 2006, durchgeführt von der Afroparaguayischen Vereinigung Kamba Cua und staatlichen Behörden. Auch der Zensus der USA von 2010 weist seine Interviewer an: „Was ist die Rasse dieser Person? Weiß, Schwarz, Afroamerikaner oder indigener „Schwarzer“ oder ein Ureinwohner Alaskas, Indoasiatisch, (…)“

Die Vereinten Nationen hatten das Jahr 2011 zum „Internationalen Jahr der Afrodescendents“ ausgerufen. Der Begriff kann in etwa übersetzt werden mit: „Jahr der Menschen afrikanischer Herkunft“. Meist werde er bezogen auf Menschen afrikanischer Abstammung, die nicht Afrikaner seien, sondern Nachfahren afrikanischer Sklaven, erklärt Wikipedia. Das Info- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA) riet auf Anfrage, den Begriff Afrodescendent nicht zu übersetzen. Dass dies kein einfacher Begriff ist, konstatieren auch die CIDH-Berater. Sie verweisen aberauf die Zweckmäßigkeit der Unterscheidung zwischen ethnischen Fragen und solchen nach der Hautfarbe, im Hinblick auf die Identifizierung der grundlegenden Bedeutung der Kategorie "Farbe" als Basis für soziale Ungleichheiten.

150 Mio. Afrodescendents in Lateinamerika und Karibik

Die geschätzten 150 Mio. Afrodescendents in Lateinamerika und der Karibik (30 Prozent der Bevölkerung) wurden durch diesen Schritt der UNO aus der „gesellschaftlichen Versenkung“ geholt und als Gruppe definiert. Genaue Erhebungen gibt es allerdings nicht. Afrodescendents waren – und sind meist noch immer – „statistisch unsichtbar“. Im Zensus vieler Staaten wird nicht nach der afrikanischen Herkunft der Vorfahren gefragt. Oder Menschen werden, wie oben zitiert, von mehr oder weniger geschulten Interviewern nach vermeintlich ethnischen Körpermerkmalen bestimmten Kategorien zugeordnet. Selbstdefinitionen würden hingegen selten abgefragt, so die CIDH.

Die Kommission plädiert dafür, die Frage nach der Selbstdefinition als Afrodescendent zur Standardfrage in Erhebungen des Zensus, in öffentlichen Registern und Umfragen in Haushalten zu machen und das Personal entsprechend zu schulen. Denn das Unsichtbarmachen der Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe sowie Stereotypen und Vorurteile würden dafür sorgen, dass die historische Ausgrenzung und Exklusion bestehen bleiben, so der Bericht.

„Rassistische Geographie“

Die CIDH kommt in ihrer hundertseitigen Studie zu dem Ergebnis, das noch viel zu tun ist, bis Afrodescendents gesellschaftlich gleichberechtigt und ihre Menschenrechte gewahrt sind. Die Kindersterblichkeit bei Afrokolumbianern ist doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt.In Brasilien gab es 2006 unter den Personen, die 15 Jahre und älter waren, 14,4 Mio. Analphabeten – 9,7 Mio. davon waren Afrobrasilianer. Afrodescendents sind häufiger arbeitslos, und wenn sie einen Job haben, sind sie meist im informellen Sektor tätig, verrichten einfache Tätigkeiten, die wenig Lohn einbringen und werden für gleiche Arbeit häufig schlechter bezahlt. Das in Kolumbien ansässige Observatorio de Discriminación Racial meldete der CIDH zurück, dass es dort eine Politik der „rassistischen Geografie“ gäbe: Orte, wo viele Afrodescendents leben, würden in den Politiken Kolumbiens eine untergeordnete Rolle spielen.

Als „alarmierend" bezeichnete die CIDH, dass nur knapp ein Prozent der Afrodescendents in der Legislative vertreten sind. Auch in den Medien fehle die Partizipation von Afrodescendents jenseits von „Folklorisierung“ und „Ethnisierung“.

Aufklärung und Empowerment

„Mit Sorge" habe man die Auswirkungen des Rassismus im Strafsystem zur Kenntnis genommen, so die CIDH. "Rassistisches Profiling“, wie die Verhaftung eines ganzen Dorfes, „weil Afrodescendents kriminell seien“, sei sehr verbreitet, gleichzeitig sei der Zugang zum Justizsystem durch rassistische Barrieren, das Fehlen sensibilisierter Ansprechpartner und nicht vorhandene Mittel für Anwaltskosten oft nicht gewährleistet.

Die Liste der Empfehlungen der CIDS ist angesichts dieser Vielzahl von Defiziten lang - sie umfasst 24 Punkte: So müssten etwa die gesamte Zivilgesellschaft, besonders aber Behörden und Sicherheitskräfte, sensibilisiert und auch Afrodescendents über ihre Rechte besser aufgeklärt werden. Lehrpläne und Gesetze müssten auf strukturelle Diskriminierungen und Rassismen überprüft, die Diskriminierung von Afrodescenents sanktioniert werden.

Autorin: Bettina Hoyer

Foto: nina vieira / flickr