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Adeus Dr. Socrates

Brasilien trauert um sein großes Fußballidol. Socrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, kurz Socrates, verstarb am Sonntagmorgen an einer Blutvergiftung, Folge einer durch seinen Jahre langen ungehemmten Alkoholkonsum hervorgerufenen Leberentzündung. Zwar blieben dem Kapitän der brasilianischen WM-Mannschaften von 1982 und 86 die großen internationalen Titel verwehrt. Dafür nahm der ausgebildete Kinderarzt den Ballsport letztlich nicht ernst genug. Doch für die Brasilianer wird Socrates als der große Intellektuelle des brasilianischen Fußballs in Erinnerung bleiben, der mit seiner revolutionären Demokratiebewegung innerhalb seines Klubs Corinthinas Anfang der 80er Jahre das Ende der Militärdiktatur in dem südamerikanischen Land vorwegnahm.

Die von Socrates angeführte "Democracia Corintinana" Bewegung setzte Lichter mitten in den dunklen Zeiten der Militärdiktatur. So verlangten die Spieler Mitbestimmung bei der Ansetzung von Trainingszeiten, bei der Aufstellung, Taktik und der Reiseplanung des Klubs. Dafür lief die Mannschaft, die 1982 und 83 Landesmeister in Sao Paulo wurde, mit "Demokratie Jetzt!" Slogans auf den Trikots auf. Sie bereiteten damit das politische Spektrum für die "Diretas Ja"-Bewegung von 1984 vor, die direkte demokratische Wahlen forderte und das Ende der Militärdiktatur einleitete. Auf den Demonstrationen der "Diretas Ja" trat Socrates als Redner auf, neben den späteren Präsidenten Fernando Henrique Cardoso und Luiz Inacio Lula da Silva.

"Magrao", der "Dünne" nannten seine Freunde und Mitspieler den 1,92 Meter großen Mittelfeldregisseur, der stets durch seine überragende Spielintelligenz herausstach. Mit Zico, Falcao und Toninho Cerezo bildete er bei der WM 1982 in Spanien Brasiliens legendäres Mittelfeldviereck. Allerdings scheiterte "Brasiliens beste Mannschaft aller Zeiten" in einer epischen Partie mit 2 zu 3 am späteren Weltmeister Italien. Auch zur WM 1986 in Mexiko reiste die von Tele Santana trainierte Selecao als Titelfavorit an, wurde jedoch in einem Elfmeterkrimi von Frankreich eliminiert. Es war der Abschied vom "Futebol Arte", dem "schönen Spiel", das sich dem pragmatischen europäischen Fußball als unterlegen erwies.

Es folgten die Jahre des "hässlichen, aber erfolgreichen" Fußballs der Ära Dunga und Romario, die 1994 Weltmeister wurden. Socrates war stets der lauteste Kritiker des erfolgsorientierten Fußballs. Genauso heftig kritisierte er CBF-Präsident Ricardo Teixeira. In der Wochenzeitschrift "Carta Capital" hatte Socrates bis zuletzt seine eigene Kolumne, in der er die Rückkehr zum "Futebol Arte" und zu transparenten Strukturen innerhalb der brasilianischen Verbände forderte. Nachdem Socrates bereits im August wegen einer Leberentzündung Tage lang mit dem Tode rang, wurde er am Donnerstag ins Albert Einstein Krankenhaus in Sao Paulo eingeliefert. Am Sonntagmorgen verstarb er an einer Blutvergiftung, nur wenige Stunden bevor sein geliebter Klub Corinthians brasilianischer Meister wurde.

Im Pacaembu-Stadion von Sao Paulo gedachten Spieler und Fans vor dem Anpfiff ihrem großen Idol. Ironie des Schicksals: brasilianischer Meister mit Corinthians wurde Socrates in seiner Karriere nie. Doch Erfolg ist letztlich nicht alles, wie Socrates stets betonte. (tm)