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Acre: Das Musterländle Amazoniens

Drei Stunden fliegt man von der Hauptstadt Brasilia bis man in Rio Branco am äußersten Nordwesten des brasilianischen Amazonasbeckens landet. Rio Branco hat gut 350 000 Einwohner und ist Hauptstadt des für brasilianische Verhältnisse kleinen Bundesstaates Acre mit gerade mal 680 000 Einwohnern. Kaum jemand aus den Zentren Rio de Janeiros oder Sao Paulos verirrt sich hierher. Dennoch ist Acre für Brasilien nicht unbedeutend. Hier, am Dreiländereck von Brasilien, Peru und Bolivien, nahm die brasilianische Umweltbewegung ihren Anfang.

Zu Beginn der 80er Jahre machte der Kautschukzapfer Chico Mendes auf die Zerstörung des Regenwaldes international aufmerksam. Er stammte aus Xapuri im Bundesstaat Acre, wo die Kautschukwirtschaft lange Tradition hat. Seringeuiros nennt man die Gemeinschaften von meist aus dem Norden Brasiliens eingewanderten Gummizapfern. Chico Mendes war einer von ihnen. Er erhob seine Stimme gegen die unregulierte Kolonisierung und Abholzung des Regenwaldes (und damit auch der Gummibäume) durch Viehzüchter. Seinen Einsatz für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Regenwaldes bezahlte er mit dem Tod. Am 22. Dezember 1988 wurde Chico Mendes von einem Rinderzüchter heimtückisch ermordet.

22 Jahre später ist Chico Mendes in Acre allgegenwärtig. Ein Reservat ist nach ihm benannt, seine Statue steht auf dem „Platz der Waldvölker“. Längst ist der Gummizapfer zum Volkshelden aufgestiegen, in einem Rio Branco, das boomt: wirtschaftlich wie umwelttechnisch. Neue Autos verstopfen die Stadt auf neu geteerten Strassen und öffentliche Plätze und Bauwerke sind instand gesetzt sowie mit kostenlosem WIFI ausgerüstet. Zwei neue Parks verschönern das Stadtbild, einer hat sogar Fahrradwege in einer Stadt, in der es meistens zu heiß ist, um Fahrrad zu fahren. Kinder und Jugendliche laufen in sauberen Schuluniformen lachend durch die Stadt, Bettler sieht man keine. Vom Kautschukzapfen leben heute nur noch wenige, die ehrwürdige Tradition ist ins Heimatmuseum von Rio Branco verbannt, wo junge Führer den Touristen zeigen, wie einst die „borracha“, die Gummikugel, hergestellt wurde.

Finanziert wird der Wirtschaftsboom vom brasilianischen Staat. „90% unseres Etats sind Bundesmittel aus der Hauptstadt Brasilia“, sagt der Journalist Altino Machado. Mit einem groß aufgelegten Wachstumsbeschleunigungspaket ist Vater Staat allgegenwärtig: Er baut Schulen, Plätze, Straßen, Parks. Kein Wunder, dass alle voll des Lobes für Präsident Lula, den Gouverneur Binho Marques und die Bürgermeister sind. Zufällig gehören sie alle der gleichen Partei an, der regierenden „Partei der Arbeiter“ PT, die als einzige Partei über eine solide Basis und Strukturen im ganzen Land verfügt.

Senator Tiao Viana, ebenfalls PT und Bruder des vorherigen Gouverneurs Jorge Viana, ist vor Kurzem aus Washington zurückgekommen, wo er nordamerikanischen Firmen seinen Wald als lohnendes Projekt für CO2-Zertifikate anpries.„Die neue Wirtschaft Acres im Blickpunkt der Weltwirtschaft“ titelt das lokale Blättchen begeistert. Acre befindet sich im großbrasilianischen Wachstumstaumel. Mit einem entscheidenden Unterschied zu früheren Regierungen, denn dieses Mal kommt davon wirklich etwas bei den Leuten an.

Und das alles auch noch nachhaltig: die Hölzer sind zertifiziert, die Abholzung der Wälder in Acre wurde reduziert, „so viel wie kein anderer Bundesstaat“, erklärt der Parkwächter eines neu angelegten Umweltparks in Rio Branco. Nicht nur das Wachstum, auch der Nachhaltigkeitsdiskurs ist angekommen. Der Naturkautschuk wird erstmals in einer neuen Kondomfabrik weiterverarbeitet – die Fabrik ist in Staatsbesitz - wie sollte es anders sein - und wird die brasilianischen Gesundheitsposten mit Präservativen aus ökogummi beliefern. Alle sind stolz auf ihren Bundesstaat, ihren Gouverneur, ihren Präsidenten Lula, auf Brasilien, die kommende große Nation.

Wer das nicht ist, gehört schon fast zu den Spielverderbern; wie der Journalist Altino Machado, der einzige unabhängige Journalist Acres, wie er sich nennt. Denn die vorhandenen Zeitungen, Radios und Fernsehkanäle sind von der staatlichen Werbung abhängig. In seinem Blog legt der 48-jährige Altino Machado auch Dinge dar, die nicht so ganz ins Bild des nachhaltig wachsenden Acres passen: dass eine alte Alkoholsprit-Fabrik ohne entsprechende Umweltlizenz wieder aufgemacht wurde, dass der Ex-Gouverneur Lizenzen für Erdölförderung vergeben will, dass die Indigena-Völker durch die neuen Straßen in ihrem Überleben gefährdet sind.

Vor allem aber bedauert Altino Machado, dass von den ehemals lebendigen sozialen Bewegungen Brasiliens nicht mehr viel übrig geblieben ist: sie sind von der regierenden PT geschluckt worden, und scheinen damit glücklich. Altino Machado ist ein kleiner kräftiger Mann, dem es inzwischen nicht mehr ganz wohl ist, angesichts der Geister, die er selber rief: „Ich habe doch nicht so lange für eine andere Politik gekämpft, nur damit ich jetzt den Entwicklungs-Wahn der Militärs der 70er Jahre wieder auferstehen sehe!“

Der Kampf zwischen modernisierender Entwicklung und ökologischer Nachhaltigkeit ist in Lulas Brasilien vorerst zugunsten ersterer entschieden. Dass in Amazonien erstmals seit 20 Jahren wieder ohne großen öffentlichen Widerstand Großstaudämme vom Staat genehmigt werden konnten, zeigt, dass ökologische Bedenken in Brasilien momentan keine Konjunktur haben.

Wenn es da nicht eine andere Umweltschützerin aus dem kleinen Bundesstaat Acre gäbe, eine die wie Chico Mendes von ganz unten kommt, die aber im Gegensatz zu Chico Mendes noch quicklebendig ist. Die 52-jährige Marina Silva ist Kind von Gummizapfern aus dem Seringal, wurde von katholischen Nonnen aufgezogen und in die Schule nach Rio Branco geschickt. Zuerst Gemeinderätin, dann Senatorin und Umweltministerin in der Regierung Lulas. Lange Jahre war Marina Silva Weggefährtin von Lulas PT. Bis sie letztes Jahr das Handtuch schmiss, vom Amt als Umweltministerin zurücktrat und nun als Präsidentschaftskandidatin der Grünen Partei antritt. Viel Chancen werden der zierlichen dunkelhäutigen Frau aber nicht eingeräumt, hat doch Dilma Rousseff, ihre Gegenkandidatin und ehemalige Kabinettskollegin, den Rückhalt des Übervaters Lula.

Altino Machado hofft dennoch auf viele Stimmen für Silva: „Niemand gab damals einen Pfifferling auf Marina oder glaubte, dass sie in den Stadtrat oder sogar in den Senat gewählt werden könnte. Sie hat es damals geschafft. Sie kann es auch heute wieder schaffen“.

Noch befindet sich Acre am Rande Brasiliens. Bis vor ein paar Jahren war das Dreiländereck Brasilien-Peru-Bolivien Niemandsland. Das ändert sich rasant. Neue Strassen werden durch das Amazonasbecken geschlagen und ermöglichen so die Ost-West-Verbindung quer durch Lateinamerika. In wenigen Jahren soll Acre zwischen Atlantik und Pazifik Verkehrsknotenpunkt werden, ein wichtiger Ort auf der neuen geopolitischen Achse zwischen Beijing und Brasilia. Durch Acre werden dann auf der „Carretera Interoceanica“ Soja und Erze über die Anden an den Pazifik gekarrt, nach China verschifft und es erreichen andererseits chinesische Produkte die brasilianischen Großstädte an der Atlantikküste. Die Straße bis zur peruanischen Grenze ist bereits geteert, die Reise im supermodernen Reisebus führt an einer Rinderfam nach der anderen vorbei. Die Szenerie entlang der Interoceanica erinnert eher an eine Kulturlandschaft als an urwüchsigen Regenwald .

Erst weit hinter der Grenze Perus hat das moderne Amazonien ein Ende: vor dem Fluss Madre de Dios bleibt der Bus abrupt stehen. Ein einsam in die Luft ragender Brückenpfeiler zeigt an, dass hier der amazonische Entwicklungstraum vorerst zu Ende ist. Nach acht Stunden im klimatisierten Reisebus, schlägt den Passagieren die schwüle Amazonasluft ins Gesicht und die Füße betreten morastigen Boden. Magere Kinder tauchen aus dem Dunkel auf, um Bonbons und Coca-Cola feil zu bieten. Die Fahrgäste werden gebeten, ihre Koffer zu nehmen, und über ein schwankendes Brett in einen alten Kahn zu balancieren. Der Bootsführer lässt den Dieselmotor aufjaulen, der Lärm und die Abgase des uralten Verbrennungsmotors benebeln die Sinne. Ein paar Jungs drücken den Kahn mit der ganzen Kraft ihrer bloßen Füßen vom schlammigen Ufer ins Wasser und auf einmal ist der Amazonas wieder das, was er in unserer Phantasie immer noch ist: ein träge dahinwälzender brauner Fluss, an dem die Luft und das Leben fast stillstehen und die moderne Welt weit, weit weg ist.

Autorin: Hildegard Willer