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Abschied von "Tatic"

Puebla. Die Indigenas in Chiapas nannten ihn respektvoll “tatic” (Vater), für andere war der Verfechter der Befreiungstheologie der „rote Bischof“: Samuel Ruiz Garcia ist am Montag im Alter von 86 Jahren in einem Hospital in Mexiko-Stadt an Schlaganfall und Lungenentzündung verstorben. Er litt seit Jahren an Arterienverkalkung und Diabetes. Geboren im zentralmexikanischen Bundesstaat Guanajuato verbrachte er seine ersten Jahre als Diözesanpriester in seiner Heimat, wo er bald nach seiner Priesterweihe schon Seminarleiter wurde. Prägend waren allerdings seine 40 Jahre im verarmten südmexikanischen Bundesstaat Chiapas.

Im Alter von 35 Jahren wurde er 1959 zum Bischof von San Cristóbal de las Casas geweiht. In seiner Diözese entdeckte er die bittere Armut und Ausbeutung der dort lebenden Indigenas. In den 70er Jahren schloss er sich der Befreiungstheologie an, was immer wieder zu Spannungen mit der konservativen Kirchenhierarchie in Mexiko und mit rechten Kreisen im Vatikan führte besonders nach der Wahl von Johannes Paul II. zum Papst. „In Lateinamerika interessiert uns mehr die Befreiung als die Theologie. Die Option für die Armen ist ein wesentlicher Bestandteil der Kirche, dem sie sich nicht entziehen kann“, sagte er 2005 in einem Interview. Waffengebrauch lehnte Ruiz stets ab.

Konsequent stand er an der Seite der Benachteiligten und redete den Reichen ins Gewissen. Doch seine Predigten prallten am Rassismus der hellhäutigen Elite ab. Dennoch war die Kathedrale stets gut besucht: dafür sorgten seine indigenen Anhänger. Ruiz beherrschte vier der in Chiapas gesprochenen Maya-Dialekte.

Während seiner vier Jahrzehnte als Bischof bildete er Tausende von Laienpredigern aus und errichtete ein effizientes, pastorales Netzwerk. Ausserdem setzte er sich für den ökumenischen Dialog mit den in Chiapas einflussreichen protestantischen Kirchen ein und betreute Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem benachbarten Guatemala.

1989 gründete Ruiz ein anerkanntes Menschenrechtszentrum in Chiapas, benannt nach Fray Bartolomé de las Casas, dem Dominikanerpater und späteren Bischof von San Cristóbal, der im 16. Jahrhundert die Ausbeutung der Indigenas durch die spanischen Kolonialherren anprangerte und die These verteidigte, Indigenas seien als gleichwertige Menschen mit entsprechenden Rechten zu betrachten.

International bekannt wurde Ruiz nach dem Aufstand der Zapatistenrebellen 1994. Nachdem ihn Präsident Ernesto Zedillo zunächst als „Brandstifter und geistigen Vater der Gewalt“ gebrandmarkt hatte, besann sich der Staatschef aufgrund internationaler Kritik bald eines Besseren und ernannte Ruiz schließlich zum Präsidenten der Nationalen Vermittlungskommission, die in der Kathedrale tagte. Die Gespräche erbrachten 1996 zwar ein Abkommen, das dann jedoch im mexikanischen Kongress verwässert und von den Zapatisten abgelehnt wurde. Ruiz erhielt nach dem Zapatistenaufstand Todesdrohungen. Bis heute herrscht in Chiapas eine latente Spannung zwischen autonomen zapatistischen und regierungstreuen Gemeinden.

1999 reichte Ruiz nach Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren seinen Rücktritt ein, der vom Vatikan angenommen wurde, und zog in den zentralmexikanischen Bundesstaat Queretaro. Von dort aus war er weiter in seinem Menschenrechtszentrum aktiv und vermittelte in Gesprächen zwischen der Regierung und der linken Guerillagruppe Revolutionäres Volksheer (EPR). Ruiz Nachfolger in San Cristóbal, Felipe Arizmendi, setzt die soziale Pastoralarbeit seines Vorgängers fort.

Ruiz erhielt für sein Engagement gegen Gewalt, Armut und Marginalisation zahlreiche internationale Preise, darunter im Jahr 2000 den Simon-Bolivar-Preis der UNESCO. 1994 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. Der fiel damals jedoch an den Palästinenserführer Jassir Arafat, den israelischen Premierminister Jitzak Rabin und seinen Aussenminister Shimon Peres für ihre Bemühungen um Frieden im Nahen Osten. Gegen Ruiz hätten sowohl der Vatikan als auch Washington und die mexikanische Regierung ein Veto eingelegt, so Ruiz Unterstützer, die zehntausende von Unterschriften gesammelt hatten.

Präsident Felipe Calderon erbat nach Bekanntwerden des Todes bei einem Essen mit Unternehmern eine Schweigeminute und bezeichnete den Verstorbenen als „große Persönlichkeit, jemand, der integer und aufrecht war und einen grundlegenden Beitrag zur Befriedung von Chiapas“ geleistet hat. „Er hinterlässt eine grosse Lücke“, erklärte ihrerseits die linke Partei der Demokratischen Revolution (PRD). Als „weltgewandten und zutiefst menschlichen Priester“, bezeichnete ihn die Mitbegründerin des Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé, Concepcion Villafuerte, als „polemischen aber beliebten Hirten“ die Mexikanische Bischofskonferenz. Zahlreiche Organisationen von der UNO bis amnesty international würdigten Ruiz Beitrag zur Verteidigung der Menschenrechte. Am Mittwoch sollte er in San Cristobal beigesetzt werden.

Text: Sandra Weiss

Die Diözese San Cristóbal de las Casas und Dom Samuel Ruiz wurden bei zahlreichen Anliegen von Adveniat unterstützt.

Im spanischen Original finden Sie hier die Trauerrede von Bischof Raul Vera, seinem unmittelbaren Nachfolger, dem heutigen Bischof von Saltillo, einer Diözese, die an der Grenze zwischen Mexiko und den USA liegt.

<media 7654>Predigt</media> (spanisch; PDF)
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