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3,4 Millionen Kinder arbeiten der Staat schaut weg

Isa Maria de Oliveira kämpft mit ihrer Organisation gegen Kinderarbeit. Die Geschäftsführerin des Nationalen Forums für die Vorbeugung gegen und die Ausrottung von Kinderarbeit wirft der brasilianischen Politik Versagen vor.

Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der brasilianischen Kinder und Jugendlichen, die arbeiten, um 530.000 zurückgegangen. Was bedeutet das für den Weg, den Brasilien hinsichtlich der Bekämpfung der Kinderarbeit geht?

Isa Maria de Oliveira: Zwar ist die Zahl der arbeitenden Kinder innerhalb eines Jahrzehnts um etwas mehr als eine halbe Million gesunken, doch arbeiten noch immer 3,4 Millionen Kinder. Dies zeigt ganz klar, dass die Politik und die aufgelegten Programme sich der Schwere des Problems in Brasilien nicht wirklich bewusst sind. Kindheit und Jugend stellen eine sehr kurze Lebensphase dar. Es geht darum, die Kindheit voll ausleben und sich sowohl körperlich als auch geistig und emotional entwickeln zu können. Aus Sicht unseres Forums ist die Verringerung der Kinderarbeit inakzeptabel. Sie fällt nur sehr bescheiden aus. Zumal Brasilien als Vorbild für andere Länder bei der Bekämpfung der Kinderarbeit gilt.

Wie sah die Politik zur Bekämpfung der Kinderarbeit aus, und warum erzielte sie nur wenig Wirkung?

Isa Maria de Oliveira:Das 1996 aufgelegte Programm zur Ausrottung der Kinderarbeit hatte zunächst durchaus eine starke und positive Wirkung. Bis 2001 und 2002 gelang die größte Verringerung der Kinderarbeit. Allerdings arbeiteten viele Kinder doch weiter: nicht mehr in Gestalt einer formalen Beschäftigung, sondern zuhause in der eigenen Familie. Übrigens nicht nur auf dem Land, sondern auch in den städtischen Gebieten. Und genau hier ist es Aufgabe der Politik zu handeln. Die Familien brauchen eine besondere Zuwendung. Anfangs kann diese in Geld bestehen, aber das reicht nicht aus. Es kommt auf das Verständnis der Familien an, dass Kinderarbeit keine Lösung ist, sondern entscheidend mit dafür sorgt, dass sich Armut und sozialer Ausschluss in Brasilien reproduzieren.

Außerdem kommt es ohne Zweifel auf die Bildungspolitik an. Die Kinder, die arbeiten, haben ein Recht auf eine hochwertige Bildung und Sport und Kultur. Solche Schulen müssen vor allem in den Gegenden angesiedelt sein, in denen es viel Kinderarbeit gibt. Die Änderung kultureller Werte ist grundsätzlich eine der größten Herausforderungen - besonders in einem Land mit Sklaverei-Vergangenheit, in dem die falsche und unmenschliche Ansicht anzutreffen ist, dass Arbeit für arme Kinder gut sei. 132.000 junge Brasilianer und Brasilianerinnen im Alter von 10 bis 14 Jahren tragen bei sich zuhause Verantwortung, es handelt sich ganz klar um Kinderarbeit.

Wenn wir über die Rechte von Kindern und Jugendlichen sprechen, über ihren vollständigen Schutz, dann ist an erster Stelle die Politik aufgefordert. Und dies geschieht eben nicht in Brasilien. Zum Beispiel haben wir noch keine Vorschul-Erziehung. Der Kampf gegen Kinderarbeit hat für die Politik keine Priorität. Es geht nur darum, wie viele Kinder formal eingeschult sind. Die Zahlen für regelmäßigen Schulbesuch und schulische Leistungen zeigen aber einen drastischen Rückgang.

Einer Statistik des Kultusministeriums selbst zufolge liegt die Leistung eines arbeitenden Kindes um 10 bis 12 Prozent unter derjenigen eines Kindes, das sich voll und ganz auf die Schule konzentrieren kann. Zudem stellt die Kinderarbeit ein Einfallstor für weitere Verletzungen dar. Inhaftierte Straftäter arbeiteten übrigens häufig als Kinder. Kinderarbeit auf der Straße birgt auch die Gefahr sexueller Ausbeutung.

Ist Kinderarbeit häufiger in den Städten oder auf dem Land anzutreffen?

Isa Maria de Oliveira:Das hängt von der Altersgruppe ab. Bei den 13- und 14-jährigen überwiegt die Kinderarbeit auf dem Land. Bei den 15- bis 17-jährigen dagegen die Kinderarbeit in der Stadt. Ein anderes Problem sind jene Kinder, die überhaupt nicht zur Schule gehen, immerhin 571.000 in Brasilien. Das mag sich nicht nach viel anhören, aber die Zahl ist inakzeptabel, vor allem was die 6- bis 14-jährigen betrifft. Laut Verfassung besteht in Brasilien Schulpflicht.

In welchen brasilianischen Bundesstaaten herrscht Kinderarbeit vor?

Isa Maria de Oliveira:In den drei südlichen Bundesstaaten ist der prozentuale Anteil von Kinderarbeit hoch, über dem landesweiten Durchschnitt. Dem letzten Zensus zufolge haben die Regionen Süd und Nord (Brasilien ist in fünf Regionen gegliedert) den höchsten Anteil an Kinderarbeit. Erstaunlicherweise waren die Ergebnisse für den Nordosten relativ positiv, auch wenn das Problem auch hier unverändert fortbesteht. Was umgekehrt den wirtschaftlich entwickelten Süden betrifft, in dem es auch mehr Schulen gibt, so dürfte Kinderarbeit hier eigentlich kaum anzutreffen sein. Stattdessen haben wir es mit hohen Werten zu tun.

Interview: Instituto Humanitas Unisinos, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel

Quelle: http://www.adital.com.br

In Brasilien müssen immer noch viele Kinder in der Landwirtschaft mithelfen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Oft leidet darunter der Schulbesuch. Foto: Adeniat/Escher.