Bolivien |

185 Jahre Unabhängigkeit

Zum ersten Mal in der Geschichte des Andenlandes hat eine bolivianische Regierung den wichtigsten Nationalfeiertag in der Tieflandmetropole und Oppositionshochburg Santa Cruz zelebriert. Pünktlich zum 185. Jahrestag der Unabhängigkeit von Spaniens Krone hat die Morales-Administration ein Zeichen nationaler Einheit gesetzt - landesweit im Fernsehen übertragen.

So kam es vergangenen Freitag zu einem Polit-Ereignis, das vor wenigen Monaten noch die wenigsten Beobachter für möglich gehalten hatten. Gemeinsam mit Rubén Costas, rechtskonservativer Präfekt vom Departamento Santa Cruz und schärfster Widersacher der Linksregierung »Bewegung zum Sozialismus« (MAS), hisste Staatschef Evo Morales Ayma die Nationalflagge in Rot, Gelb, Grün. Den politischen Rivalen zur Hand gingen Vizepräsident und Ex-Guerillero Álvaro García Linera und der Bürgermeister von Santa Cruz, Percy Fernández.

In seiner Rede an die Nation vor der »Gesetzgebenden Plurinationalen Versammlung« (ALP), so der Name des bolivianischen Kongress seit Inkrafttreten der neuen Verfassung im Januar 2009, rief Morales alle Bolivianer zu einem friedlichen Neuanfang auf. »Ich fühle, dass die Konfrontation beendet ist und etwas Gemeinsames bevor steht«, »Bolivien hat Hoffnung« und »Bolivien steht vor einer großen Zukunft« waren die versöhnlichen Slogans des Tages im feierlich ausstaffierten Salón Chiquitano des Expocruz-Messegeländes, dem Stolz des mächtigen Agrobusiness der Region.

Nach seinem historischen Wahlsieg Dezember 2005 – Morales wurde als erster Präsident Boliviens mit über 50 Prozent der Stimmen direkt ins Amt gewählt – hatte die Wirtschaftelite der Tiefland-Departamentos Santa Cruz, Beni, Pando und Tarija eine aggressive Opposition betrieben, die mit ihrer sezessionistischen Forderung nach Autonomie das Neun-Millionen-Einwohner-Land an den Rand eines Bürgerkrieges manövrierte. Die zweitgrößten Gasvorkommen des Kontinents und die immensen Latifundien in der Hand einiger weniger Großfamilien sollten privat bleiben und dem Zugriff der Linksregierung in La Paz entzogen werden.

Doch die Mehrheit der Bolivianer will ein anderes Bolivien. Im September 2009 wiederholten MAS und Morales ihren Triumph an den Urnen. In Parlament und Senat gewannen sie eine komfortable Zwei-Drittel-Mehrheit, die nationale Gesetzgebung kann jetzt ohne Blockadehaltung der Opposition an die neue Magna Charta angepasst werden. An der Wirtschaftselite aber kann nicht vorbeiregiert werden, trotz Verstaatlichung strategischer Sektoren wie Gas, Strom und Wasser und einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik, die zuletzt sogar von Weltbank und Internationalem Währungsfonds unerwartetes Lob erhielt. Und so erinnerte der Chef des Palacio Quemado - wie die Bolivianer den Regierungsitz nennen - an die Verantwortung der Wirtschaft für das Wohl der Bevölkerung. »Gleichheit in Einheit« müsse politischer Leitstern einer Nation sein, die trotz einer Armutsreduzierung von zehn Prozent unter der Morales-Regierung laut jüngstem UN-Entwicklungsbericht zu den Ländern Lateinamerikas gehört, in denen die Schere zwischen Arm und Reich am weitesten auseinander klafft.

Autor: Benjamin Beutler